Wieder auf der Straße des Industriegebietes angekommen, hält Elena natürlich sofort Ausschau nach einem Zufluchtsort und es scheint für einen Moment, als sei sie endlich ihrer vertrauten Welt ein gutes Stückchen näher. Denn am Ende der Straße erblickt Elena ein Gebäude, von dem zwar nur die Rückseite zu sehen ist, das aber zumindest von hinten Elenas Schule zum Verwechseln ähnlich sieht. Elena wußte zwar noch nicht, daß hinter ihrer Schule ein Industriegebiet ist, zumal ein so seltsames. Aber das, was sich hinter der Schule so alles abspielt, bekommen die Kinder ja auch in der Regel nicht zu sehen, weil große Hecken den Blick darauf versperren. Also rennt Elena so schnell sie kann auf den Hintereingang dieses Gebäudes zu und kann es selber kaum fassen, daß sie es einmal so eilig haben würde, in die Schule zu kommen. Und kaum im Inneren des Gebäudes angekommen ist sich Elena nun ganz sicher, daß dies hier tatsächlich ihre Schule ist. Der Hintereingang führt direkt in das Vorzimmer der Konferenzräume und Sprechzimmer der Lehrer. Elena geht schnell durch das Vorzimmer in die Eingangshalle, weil sie im Moment, so aufgeregt und außer Atem wie sie ist, lieber keinem Lehrer begegnen möchte, der ihr wahrscheinlich gleich wieder einige unangenehme Fragen stellen würde.
Es muß wohl schon Unterrichtszeit sein, denn in der Eingangshalle ist weit und breit keine Menschenseele anzutreffen. Vielleicht ist es doch der Tag, der bald anbricht und nicht die Nacht. In der Nacht wäre die Schule doch sicher verschlossen. Elena geht die Treppe zu den Unterrichtsräumen hoch. Sie will eigentlich nicht in irgendeine Stunde hereinplatzen, aber unter anderen Schülern würde sie sich jetzt in diesem Moment einfach nun einmal sicherer fühlen. Also öffnet sie ganz leise nur einen Spalt weit eine Tür, hinter der Stimmen zu hören sind. Elena ist erleichtert über den Klang menschlicher Stimmen und fühlt sich schon viel sicherer, aber anstatt gleich hereinzuplatzen, möchte sie erst einmal nur einen heimlichen Blick riskieren. Sie hört zunächst nur eine Stimme, die einem Lehrer gehören muß. Diese Stimme kommt Elena sogar recht bekannt vor. Die Stimme macht Scherze, das kann man an den amüsierten Schleifen erkennen, die diese Stimme in der Luft zu tanzen scheint, - keine schönen oder eleganten Schleifen sondern giftige, bösartige - und auch daran, daß ein paar andere Stimmen sich ab und an lachend dazugesellen - die Stimmen von Kindern. Eines der Kinder muß am Tag zuvor gefehlt haben, als eine Klassenarbeit geschrieben wurde. Der Lehrer läßt an seinem spöttischen Tonfall erkennen, daß er dem Kind nicht glaubt, daß es wirklich aus gesundheitlichen Gründen fehlte. Er sagt "Du siehst ja wirklich blaß aus. Die Sonne ist übrigens nicht giftig." Schon lachen wieder ein paar Kinder. Doch sogleich ist eines der anderen Kinder an der Reihe, - ein Junge,der gerade noch mitgelacht hat.
"Und Du, hast Du wieder keine Hausaufgaben gemacht? Mußtest Du wieder Deiner Mutti beim Kuchen backen helfen? Trägst Du dabei auch immer brav Deine rosafarbene Schürze? Du willst auch mal eine gute Hausfrau werden, nicht wahr?" Schallendes Gelächter der anderen Kinder. Eines nach dem anderen nimmt der Lehrer aufs Korn. Es ist immer das selbe Spiel: Eines wird gedemütigt, alle anderen lachen. So geht es reihum. Elena öffnet die Tür ein wenig mehr und muß aufpassen, daß ihr vor Entsetzen kein spitzer Schrei entfährt. Statt des ganz normalen Lehrers, den Elena hinter der Tür vermutete, sitzt da vorne ein riesengroßer Tintenfisch, der einen schwarzen Schnauzbart trägt. Mit seinen acht Armen greift er sich ständig im Wechsel ein oder zwei Kinder aus der Klasse heraus und zieht und zerrt an diesen Kindern, will sie in Stücke reißen. Dabei trägt der eitle Oktopus, der schleimig ist und daher alles schleimige liebt, Gummihandschuhe, damit er sich nicht die Hände, oder was auch immer ein Tintenfisch statt dessen hat, schmutzig macht, wenn ein Kind bei diesem Spiel zerbricht. Elena weiß, daß sie nichts dagegen tun kann. Sie hat es selbst oft genug am eigenen Leib erfahren. Es gibt keine Rettung. Eltern sagen zu ihren Kindern "Stell Dich nicht so an. In der Schule lernst Du fürs Leben." Kinder denken sich dann oft "Wenn das das Leben ist, will ich es gar nicht haben."
Elena begreift, daß viele Kinder, die von Lehrern oder Tintenfischen auseinandergenommen werden, die Schule niemals so ganz verlassen können. Sie bleiben für immer in den Hallen und Räumen der Schulen gefangen. Aus ihren Träumen schrecken sie nachts oft auf, weil sie nicht vergessen können. Hier sind all die Kinder, deren Lehrer so viel Spaß daran hatten, sie vor ihren Klassen oder ihren Eltern bloßzustellen. Es ist nicht der Tag, der anbricht. Es ist die die endlose Wiederholung, die sich abspielt. < >