Hier kann Elena niemals eine Zuflucht finden - als ob sie das nicht schon längst gewußt hätte. Also muß sie ihre Reise fortsetzen. Draußen angelangt, möchte sie nur noch so schnell wie möglich raus aus diesem Industriegebiet. Sie rennt, so schnell sie kann. Als sie die Zivilisation ein gutes Stück hinter sich gelassen hat und mittlerweile in einer hügeligen Landschaft angekommen ist, ist Elena sehr erleichtert. Hier kann sie sich bestimmt erst einmal ausruhen. Nach einer Weile, einer Stunde vielleicht, beschließt Elena, sich ein wenig umzusehen in dieser kargen Gegend. Da fällt ihr Blick auf eine große Lücke zwischen zwei Felsen, fast wie ein Tor. Natürlich geht Elena hindurch, schließlich will sie nicht ewig in diesen fremden Hügeln verweilen. Doch auf der anderen Seite des Felsentors macht Elena eine furchterregende Entdeckung. Eine riesige Schlange mit zwei Köpfen zischelt da vor sich hin. Die beiden Köpfe reden miteinander. Elena hat den Eindruck, sie habe diese eigenartige doppelköpfige Viper schon einmal gesehen. Aber bevor sie in Ruhe darüber nachdenken kann, hat einer der Köpfe der Schlange sie auch schon entdeckt. Und wie im Chor sprechen nun beide Schlangenköpfe zu Elena. "Da bist Du ja wieder. Am Anfang waren wir ganz klein. Wir sind an Deinen Beinen hochgekrabbelt und haben Dich gebissen. Aber unsere Zähne waren noch ganz winzig und stumpf, deshalb hat es nicht so weh getan. Aber je schwächer Du wurdest, desto größer und stärker wurden wir und unsere Zähne sind nun reißend scharf. Jetzt kannst Du Dich nur noch vor uns verstecken." Die Stimmen der Schlange kommen Elena sehr bekannt vor. Ihr giftiges Gezische mußte sie schon viel zu oft ertragen. Die Schlange trägt die Gesichter von Dana und Lilly, den beiden Mädchen aus Elenas Schule, die einst ihre besten Freundinnen zu sein schienen. Wie damals in der Schule, fingen auch hier ihre Attacken ganz harmlos an, doch schon bald wurde aus den zwei kleinen Würmchen ein doppelköpfiges Ungeheuer, das nur noch das Ziel kennt, Elena zu vernichten.
Elena flieht, so schnell sie kann. Die doppelköpfige Schlange lacht ihr schallend hinterher. Die Verzweiflung bricht über Elena herein. So seltsam und fremdartig dieser Ort auch ist, so scheint hier dennoch alles genauso zu sein, wie im bisherigen Leben. Elena muß einen Fluchtweg finden.
Nachdem sie bestimmt einen halben Tag lang nur gerannt ist, ohne daß die Nacht oder ein neuer Tag angebrochen wäre, beschließt Elena, ihr Tempo etwas zu verlangsamen, um sich einmal in Ruhe umsehen zu können. Die kargen Hügel hat sie längst hinter sich gelassen, ebenso wie das Industriegebiet. Nun ist die Landschaft um sie herum nicht mehr ganz so bedrohlich, fast etwas schönes könnte man darin erkennen. Wie am Beginn ihrer Reise, ist Elena auch hier wieder auf einem Pfad, an dessen Rändern Wiesen und Blumenfelder liegen. Die meisten Blumen sind schwarz und sehen aus, als seien sie aus Zinn gegossen. Doch manche der Blumen leuchten auch wie Laternen in der Nacht. Als habe jemand Kerzen in ihre transparenten Kelche gestellt.
Elena konzentriert sich einen Moment lang nur auf die Schönheit dieser wenigen leuchtenden Blumen und alles Übel dieses Ortes scheint nun ganz weit weg zu sein. Die Kelche der Leuchtblumen wiegen sich im Wind. Es ist wie ein Tanz und der graublaue Himmel scheint mit Sternenstaub durchwirkt zu sein, wie ein Schleier, den goldene und silberne Fäden durchziehen. Elena möchte schlafen, denn die Schönheit des Augenblicks bringt eine tiefe Ruhe, unter der alles seinen Schrecken zu verlieren scheint. Diese Welt ist nun friedlich und Elena begreift, daß nun endlich die Nacht anbricht und alles schläft, - auch die Ungeheuer und die Gestalten in den Fabriken und Schulen. Nur ein paar Fragen gehen Elena nicht aus dem Kopf. Wo ist sie hier bloß und wie ist sie hierher gekommen? Und wie kommt sie wieder zurück- dahin, wo sie zuhause ist?
"Du mußt nur aufwachen" flüstert ihr eine Stimme zu. Elena dreht sich um und da steht ein wirklicher Mensch, kein Pfau, kein Tintenfisch und keine Schlange. "Wer bist Du und was machst Du hier?" möchte Elena wissen. "Ich bin Gabriel und ich bin hier, um Dir nun Deine Möglichkeiten aufzuzeigen. Es gibt einige Wege, die Du einschlagen kannst und Dinge, die Du tun oder lassen kannst." Elena ist sich nicht sicher, ob sie gerade mit einem Mann oder einer Frau spricht. Gabriel hat goldene Locken und die Eleganz und Anmut, die man wohl nur einer schönen Frau zusprechen würde, doch Gabriels Stimme ist tief und sein Körper wirkt stark, nicht so weich und rund wie der einer Frau. Elena braucht ihre Frage gar nicht zu stellen, denn Gabriel scheint ihre Gedanken zu lesen. "Ich bin nicht das eine und nicht das andere und bin doch auch beides zugleich und noch viel mehr. Ich bin frei. Keine Konventionen und Erwartungen haben hier Macht über den Körper und die Seele, also kannst Du sein und aussehen wie Du willst. Und wenn Du begreifst, daß Dein Äußeres in dem Moment keine Rolle mehr spielt, wenn Du es erst einmal verändern kannst, wie es Dir beliebt, verlierst Du schnell das Interesse an Äußerlichkeiten und dann beginnst Du, zu leuchten und die körperlichen Schranken hinter Dir zu lassen. Das gelingt natürlich nicht allen hier an diesem Ort. Der Moment, in dem die körperlichen Schranken verschwinden, ist auch ein gefährlicher Moment, denn er hält die Geschöpfe in der Erscheinung fest, die ihr innerstes Wesen abbildet. Deshalb siehst Du hier auch eitle Pfauen und schleimige Tintenfische, die einmal Menschen gewesen zu sein scheinen." Elena ist verwirrt und auf ihre wichtigsten Fragen scheint sie noch keine Antworten bekommen zu haben. "Was ist das für ein Ort?" < >