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Der tiefe Schlaf
Eine Geschichte für Kinder und Erwachsene
II., Seite 9
"Wie ich schon sagte: Du mußt nur aufwachen, um diesen Ort zu verlassen. Denn dieser Ort ist der tiefe Schlaf. Doch aufwachen wirst Du nur, wenn Du auch aufwachen willst. So tief ist dieser Schaf und so nötig war für Dich die Erholung, daß ein einfacher Wecker nicht mehr genügt, um Dich aufwachen zu lassen." Elena kann nicht glauben, was Gabriel ihr zu sagen hat.
"Wie kommt es, daß Du dann hier bist, wenn das mein Traum ist? Und warum sind diese anderen Geschöpfe hier?"
"Es ist nicht so, daß dies hier nur Dein Traum allein ist. Es ist vielmehr ein Land, das allen Menschen und allen Wesen und allen Dinge offen steht. Es ist das Land des tiefen Schlafs, den niemals nur ein Mensch allein träumt. Ich sagte Dir ja schon, daß Du jederzeit dieses Land verlassen kannst. Das könnte auch ich, doch ich habe mich entschlossen zu bleiben und meinen Traum weiterzuträumen. Das macht allerdings erst Sinn und Freude, wenn Du die Kunst des Träumens schon ein bißchen besser beherrschst. Ich will nicht mehr zurück in die Welt der wachen Menschen, denn da gab es für mich kein Leben. Mein Leben war traurig."
"Wie lange bist Du schon hier?"
"Es sind nun bestimmt schon einige Jahre vergangen."
"Warum war Dein Leben traurig?" fragt Elena.

"Nun, ich mußte jeden Tag zur Schule gehen und da gehörte ich nicht hin. Dort hat man mich nicht gewollt und nicht anerkannt. Einmal hat mein Klassenlehrer über mich gesagt, ich wüßte nicht, ob ich ein Junge oder ein Mädchen sein will. Danach haben mir die anderen Kinder immer hinterher gerufen "Mädchen, Mädchen".
Die Mädchen sagten, ich sei fast eine von ihnen, aber nur fast, weshalb sie mich auch nie wirklich akzeptierten. In den Augen der Jungen war ich weniger wert als der Staub auf dem Schulhof, weil für sie schon die Mädchen nicht viel mehr wert sind. Und ein Junge, der in ihren Augen kein richtiger Junge und mehr wie ein Mädchen ist, ist deshalb noch weniger für sie wert, weil er ja eigentlich ein richtiger Junge sein könnte und ihrer Meinung nach auch sein sollte. Ich wollte nie ein Mädchen oder sonst irgend etwas sein. Ich war wie ich war, ein einsamer Junge. Vielleicht lag der Grund dafür, dass man mich nicht annehmen wollte, darin, daß ich recht allein aufgewachsen bin. Es gab keine anderen Jungen, bei denen ich mir hätte abschauen können, wie sich ein Junge zu verhalten und zu geben hat. Das wußte ich einfach nicht, aber es hätte mich auch wahrscheinlich nicht interessiert. Ich wollte einfach nur leben, so wie ich war. Und das durfte ich nicht. Ich konnte lange vor Angst nicht schlafen. Immer konnte ich nur an den nächsten Tag in der Schule mit seinen neuen Demütigungen und Beleidigungen denken. Und eines Tages ging es dann nicht mehr so weiter. Mein Körper war kraftlos und mein Geist so erschöpft, daß der Schlaf mich einfach übermannte. Am Anfang meines nun schon sehr langen Schlafs, war ich auch hier nur von Feinden umgeben. Aber mit der Zeit lernte ich dazu."

"Was meinst Du damit? Was hast Du gelernt?"
"Sag mir erst, Elena, war Dein Leben nicht auch traurig? Willst Du gehen oder bleiben?"
"Ich muß zurück." Elena mag sich einfach nicht vorstellen, den Rest ihres Lebens in einer Traumwelt voller unangenehmer Gestalten zu verbringen.
"Das ist was Du glaubst, tun zu müssen. Doch was willst Du aus tiefstem Herzen? Natürlich hast Du bis jetzt nur die Schattenseiten des tiefen Schlafs kennengelernt. Aber ich habe einige Überraschungen für Dich. Du solltest nicht zu früh eine Entscheidung treffen."
"Welche Überraschungen?"

"Ich sagte Dir bereits, daß die Geschöpfe, denen Du hier begegnest, häufig nur Teil Deines Traumes sind, aber das ist nicht immer so. Die Menschen, die Du in jenen Gestalten siehst, schlafen schließlich auch einmal. Es gibt Momente, die sich hervorragend dazu eignen, diesen Menschen einen unvergeßlichen Streich zu spielen. Dafür brauchst Du nur eine Brücke und einen Spiegel."

"Und dann?"
"Du mußt dem Geschöpf, das Du ein bißchen ärgern willst, solange auflauern bis es Nacht wird. Dann nimmst Du Deine Brücke und stattest dem betreffenden Menschen einen Besuch in dessen Träumen ab. Wem wollen wir also einen Streich spielen?"
"Das ist eine leichte Entscheidung. Der doppelköpfigen Schlange!"
"Gut, dann machen wir uns auf den Weg."
Gabriel gibt Elena ein kleines Treppchen und einen Spiegel in die Hände.
"Wofür ist der Spiegel?" fragt Elena.
"Das wirst Du dann schon selbst am besten wissen."

Die beiden gehen zurück in die hügelige Landschaft, wo Elena die doppelköpfige Schlange zuletzt sah. Da Elena nun weiß, daß in diesem Land nichts den Gesetzen der Wirklichkeit unterliegt, nimmt die Reise nur wenige Bruchteile einer Sekunde in Anspruch.

Nun liegt tiefe Nacht über dem Land des tiefen Schlafs und als Elena und Gabriel die doppelköpfige Schlange wieder an ihrem steinigen Aufenthaltsort gefunden haben, liegt einer ihrer beiden Köpfe auch schon zum Schlaf gebetet auf einem Felsen, während der andere Kopf gelangweilt auch nur noch auf den Schlaf zu warten scheint.

Wer weiß, wieviel Zeit noch vergehen mag, bis endlich die ganze Schlange eingeschlafen ist?

Elena läßt innerlich noch einmal Gabriels Worte an sich vorüberziehen. Sie fragt sich, warum ihre Eltern nicht hier sind. Warum kommen die Eltern nicht in der Welt ihrer Träume vor? Elena fühlt sich unendlich allein. Aber zuerst einmal gilt es, der doppelköpfigen Schlange ihre Bissigkeit heimzuzahlen, denn nun hat sich auch ihr zweiter Kopf zum Schlaf auf den Felsen gebetet, auf den anderen Kopf gestützt. Gabriel gibt Elena ein Zeichen. "Renn jetzt los. Es ist soweit!" < >

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© Andre Seifert, 2006
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