Hinter den Hecken, da gab es ein Haus, was eigentlich nicht stimmt, denn die Hecken selbst waren das Haus. Doch was hinter den Hecken war, das wußte lange niemand. Deshalb dachte man eben, da sei ein ganz gewöhnliches Haus, das irgendwann einfach von den Hecken überragt und verdeckt worden sei. Von außen sahen die Hecken natürlich nicht aus wie ein Haus zumindest nicht wie ein gewöhnliches Haus der Art, wie man sie hundertfach sieht, wenn man irgendeine Straße oder irgendeinen Gehweg nur lange genug entlangläuft. Wer hätte ahnen können, daß mit diesen Hecken etwas anders war?
Diese Hecken - sie standen am Ende einer Straße, direkt an einer Kreuzung. Eine ganz gewöhnliche Straße mit ganz gewöhnlichen Häusern zu ihren beiden Seiten. Und an den Enden und Abzweigungen der meisten Straßen in diesem Städtchen standen nun einmal Hecken. Das war immer schon so.
Aber einmal, vor wirklich langer Zeit, stand tatsächlich ein richtiges Haus aus Steinen und mit einem Dach aus Ziegeln am Ende dieser Straße - dort wo man später nur noch die Hecken sehen konnte. Drei Menschen wohnten in diesem Haus. Zuerst waren es nur zwei. Zwei, die zueinander fanden und beschlossen, eine Familie zu werden.
Und bald kam noch ein dritter Mensch dazu, dem sie den Namen Jakob gaben und der ganz klein und zerbrechlich war. Die Zwei, die nun Eltern waren, wussten, daß das Leben nun ein anderes sein würde, denn nun war da der kleine Jakob und nichts könnte jemals mehr so sein wie zuvor. Jakob würde groß und stark werden, eines Tages in die Welt hinausgehen, sein eigenes Haus und seine eigene Familie haben - eines Tages. So haben Jakobs Eltern sich das damals vorgestellt und sie meinten es nicht böse. Das sind eben die Dinge, die man denkt, wenn ein neuer Mensch einmal auf der Welt ist. Sei er noch so zerbrechlich, noch so klein er wird groß und stark werden.
Das ist das Gebet aller Eltern und es wird oft erhört.
Aber diese Gedanken schiebt man schnell beiseite, wenn ein neuer Mensch auf der Welt ist, denn man spürt, daß diese Gedanken hart sind und kalt im Angesicht des zarten Lebens, das nun vor den eigenen Augen erblüht. Eine Weile darf der kleine Mensch noch unbehelligt wachsen. Und so mag ein Jahr vergehen und ein weiteres Jahr. Und manchmal vergeht vielleicht ein Jahr zuviel und manchmal vergeht ein Jahr zu wenig. Und die Zeit der Welt, die bestimmt, wann die Zeit des Wachstums für einen Menschen vorbei ist - sie nimmt keine Rücksicht darauf, ob es für den Menschen noch zu früh ist, ob er schon stark genug ist oder noch nicht ganz bereit. Manchmal vergeht ein Jahr zu wenig und zugleich ein Jahr zuviel. Und ist es nicht immer die falsche Zeit, wenn es heißt Die Schonzeit ist nun vorüber?
Die Schonzeit ist nun vorüber.
So rufen die Menschen auf der anderen Seite der Hecken in diesem Augenblick.
Jakob kann sie hören. Aber alles ist jetzt nur noch ein Fluß. Die Zeit, die verging und die Zeit, die kommen wird. Die Drohungen, sie sind nur ein Moment im Strom der Zeit, die Jakob umfließt und doch nicht mehr berührt. Alles ist von gleicher Kraft, das Vergangene und das Jetzt, es steht nebeneinander und findet gleichzeitig statt. Die Erinnerung scheint fast wirklicher als das wirkliche Geschehen zu sein. Das empfindet Jakob schon seit einiger Zeit, doch es war nicht immer so. Als das Vergangene einmal die Gegenwart war, da war Jakob noch zuhause in der Zeit. Sie berührte ihn und er spürte, was um ihn herum und mit ihm geschah. Als das Vergangene noch die Gegenwart war. >