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Hinter den Hecken
Eine Geschichte für Kinder und Erwachsene
Seite 2
Bevor die Angst das Leben verschlang.

Es begann mit den Menschen, die Jakob auf der Straße entgegenkamen, als er einen Spaziergang mit den Eltern unternahm. Es waren Menschen, zu denen Jakobs Eltern freundlich sein mußten, weil geheimnisvolle Dinge davon abhingen, von denen Jakob nichts verstand. Auch Jakob sollte freundlich zu diesen Menschen sein, sie artig begrüssen und dabei lächeln. Aber es kam nur ein kaum hörbares Krächzen aus Jakobs Mund heraus und sein Lächeln versank in Scham, als er versuchte, sein Gesicht hinter seinen kleinen Händen zu verstecken. Es kam einfach nur ein Krächzen aus seinem Mund heraus, fast geräuschlos.

Die Leute, die Jakob begrüßen sollte, taten so, als hätten sie seinen kläglichen Versuch, seine Pflicht wunschgemäß zu erfüllen, nicht bemerkt. Sie nutzten lieber die unverhoffte Gelegenheit, die sich ihnen nun bot, einen kleinen Menschen zurechtweisen zu können.

„Kannst Du Deinen Mund nicht aufmachen?“ sagte die feine Dame, die jedoch sehr wohl gesehen hatte, daß Jakob seinen Mund öffnete, auch wenn leider nichts dabei herausgekommen ist. Und Jakob wußte, daß die feine Dame es gesehen hatte. Der Mann der feinen Dame schüttelte nur mit dem Kopf, um zu demonstrieren, wie unverschämt er den kleinen Jakob fand und wie wenig er nun von Jakobs Eltern hielt, die ihren Sohn offenbar nicht gut erzogen hatten. Jakobs Eltern entschuldigten sich nun auch pflichtgemäß für ihren Sohn. Jakobs Vater versuchte, den fremden feinen Leuten zu erklären, daß sein Sohn nun einmal sehr schüchtern sei. Aber das alte Ehepaar wollte nicht verzeihen. Und Jakobs Eltern haben nichts von seinem gescheiterten Versuch bemerkt, weshalb sie den fremden Leuten Glauben schenkten und Jakob daraufhin ins Gewissen redeten, er solle doch tun, was von ihm in bestimmten Situationen erwartet wird.

Und mit dieser Begebenheit trat die Angst in Jakobs Leben. Es gab vorher schon andere Ängste, etwa die Angst vor der Dunkelheit oder die Angst davor, daß seine Eltern sterben könnten. Aber diese neue Angst war anders. Sie kam nicht nur in der Dunkelheit und sie ließ sich nicht durch die Nähe vertrauter Menschen vertreiben.

Von dem Moment an, als die Angst in Jakobs Leben trat, gab es an den allermeisten Tagen Situationen, in denen Jakob von der Angst regelrecht am Kragen gepackt wurde. Die Angst schlich sich von hinten an Jakob heran, sie wartete auf den richtigen Moment und dann schnappte sie zu, sie schüttelte Jakob durch und warf ihn zu Boden. So konnte das mehrere Male an einem einzigen Tag geschehen. Es kam ganz darauf an, ob sich der Angst ein geeigneter Augenblick bot. Und solche Momente gab es zuhauf und es wurden immer mehr. Die Angst nahm immer mehr Situationen in Beschlag. Selbst Dinge, die einmal einfach waren und Jakob keine Probleme bereitet hatten, wurden mit der Zeit immer schwieriger, weil die Angst sich der Dinge bemächtigte.

Es begann mit einem wortlosen Gruß. Es begann mit einer Stimme, die im entscheidenden Moment ihren Dienst verweigerte. Was, wenn die Stimme damals nur ihren Dienst verweigerte, weil die Angst, die in jenem Moment vielleicht schon hinter Jakobs Rücken lauerte, es so wollte und die Stimme dazu zwang? Wer weiß schon, wo die Angst zuhause ist, wo sie in Wirklichkeit herkommt und was oder wer sie herbeiruft.

Und was macht man, wenn man einmal weiß, daß die Angst einen gerne überfällt?
Man versucht, der Angst aus dem Weg zu gehen. Man lernt mit der Zeit, in welchen Situationen die Angst besonders gern in Erscheinung tritt. Also vermeidet man solche Situationen dann so gut es geht. Es heißt, die Angst hat immer einen guten Grund. Es heißt, die Angst beschützt uns.

Die Angst beschützt uns.
Doch die Dinge, vor denen uns die Angst beschützt, sehen das meist ganz anders. Und im Falle von Jakob waren diese Dinge eben Menschen. Und Menschen können von allen bösen Dingen, vor denen die Ängste uns beschützen, die gefährlichsten und die heimtückischsten sein. >

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© Andre Seifert, 2006
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