Geschichten
Essays
Erfahrungen
Reviews
Design
Muse
Hinter den Hecken
Eine Geschichte für Kinder und Erwachsene
Seite 3
Die Angst erwies sich als eine Lehrerin, die eine eigene Gestalt und eine eigene Stimme gar nicht nötig hatte. Die Angst verhalf Jakob sehr früh zu der Erkenntnis, daß man sich als Mensch alltäglich zahlreichen Anforderungen und Erwartungen stellen muß, die andere Menschen an einen stellen.

Man muß immer bereit dazu sein. Es gibt Menschen, denen fällt es leicht, es immer allen recht zu machen. Es gibt Menschen, die kostet es gar keine Mühe und keine Überwindung, gewissen Anforderungen zu genügen und bestimmte Erwartungen zu erfüllen. Daß es auch andere Menschen gibt, für die jene Dinge, die ihnen selbst so mühelos gelingen, unüberwindbare Hürden sind, das sehen sie nicht. Das wollen sie auch nicht wissen und auch nicht verstehen.

Sie bewegen sich in einer Welt, in der man nur Menschen wahrnimmt, die so sind wie sie selbst. Menschen, die anders sind, weil sie manche Hürden nicht überwinden können, von denen eine besonders hohe die Angst ist, sie leben in der Verbannung. Und wenn sich einmal einer in die Welt verirrt, die den anderen gehört, wird er dafür bezahlen müssen.

Leute, deren Erwartungen man nicht erfüllt, ganz egal ob man es überhaupt könnte oder nicht, verlangen nach Rache.
Wie jeder weiß, kann man sich viel besser an einem Menschen als an einer Sache wie der Angst rächen, die sich ja auch wahrscheinlich gar nicht daran stören würde, wenn jemand auf sie böse wäre. Also ist man statt dessen lieber gleich böse auf einen Menschen wie Jakob, was die Angst wiederum mit Freude erfüllt, weil sie umso stärker werden kann.

Je weiter die Kreise wurden, in denen Jakobs Leben sich bewegte, umso größer wurde die Angst. Am Anfang war die Angst nur ein flaues Gefühl im Magen, ein leichtes Zittern, eine zugeschnürte Kehle. Doch die Angst ist ein mächtiges Ungeheuer, das schnell wächst.

Jakob versuchte schon früh, Begegnungen mit fremden Menschen zu vermeiden. Zunächst waren es nur Fremde, hinter denen die Angst lauerte. Doch mit den Jahren begannen sich auch einstmals vertraute Menschen in Fremde zu verwandeln. Als Jakob noch kleiner war, versteckte er sich, sobald Fremde auf ihn zukamen, hinter seinen Eltern oder einem anderen vertrauten Menschen, der gerade in der Nähe war. Irgendwann ging das nicht mehr, weil Jakob dafür allmählich zu alt und zu groß wurde. Irgendwann ging Jakob nicht mehr mit nach draußen.

Er mußte natürlich, wie alle Menschen in dieser Welt, weiterhin nach draußen gehen, um bestimmte Pflichten zu erfüllen - wie etwa die Pflicht, zur Schule zu gehen.
Aber die Schule würde irgendwann vorbei sein. Sie würde irgendwann nur eine Erinnerung sein. Weit weg.

Die Jahre vergehen. Sie lösen sich auf in den Erinnerungen, verwehen wie Staub. Und irgendwann ist alles ein Fluß der Erinnerung, in dem es keinen Anfang und kein Ende gibt. Dieser Fluß ist ein Leben, das irgendwann versiegt und der Mensch, dem so ein Leben gehört - der ist bloß ein Mensch im Wind, der tanzt und fällt wie ein Blatt, das kein Baum mehr tragen will.

Schau nur einmal aus dem Fenster, dann siehst Du sie - die Menschen im Wind. Manchmal siehst Du sie auf der Straße und Du erkennst sie nicht einmal. Dann siehst Du sie von Zeit zu Zeit zwischen den Wolken umhergehen oder in den Kronen der Bäume sitzen und warten, bis der Wind sie wieder ein Stück weiter trägt.

Die Angst hat eine Schwester, die den Namen Verzweiflung trägt. Und im Tanz der beiden gesellt sich zuweilen der Zorn und manchmal auch die Hoffnung hinzu. Und wenn all diese Kräfte einmal zusammenkommen, dann entsteht für einen kurzen Augenblick die Möglichkeit eines Zaubers. Magie entspringt der Dunkelheit, die den Funken einer Hoffnung in sich trägt. Und die Magie geht oft seltsame Wege - gerade dann, wenn ein Mensch, der sie bewirkt, nicht weiß, wie man sie beherrscht. Dann bestimmt ein Zufall, worin die Magie ihre Erfüllung findet.>

Auch als PDF-Download zu haben.
© Andre Seifert, 2006
Editorial Über Muse Links Impressum