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Hinter den Hecken
Eine Geschichte für Kinder und Erwachsene
Seite 4
Als die Schulzeit vorüber war, stand auch Jakob vor der Aufgabe - wie alle anderen jungen Menschen irgendwann einmal - einen anderen Ort zu finden, an den er nun jeden Tag gehen könne, um irgendeine Aufgabe zu erfüllen, die ihm schon irgendjemand auferlegen würde. Es sollte vor allem ein Ort sein, an dem man ihn haben will, dachte sich Jakob.

Was, wenn es einen solchen Ort nicht gibt? Was, wenn es solche Orte vielleicht überhaupt nicht mehr gibt – für niemanden?

Da hatte die Angst Jakob wieder gepackt – als habe sie nur auf diesen Moment gewartet, von dem sie wußte, das er einmal kommen würde, weil die Zeit nun einmal vergeht.

Schließlich gab es nun keine Ordnung mehr in Jakobs Leben, keine Gewohnheit, keinen Schutz im Vertrauten. So grauenvoll die Schulzeit häufig ist, so gibt sie doch auch ein bißchen Halt. Und wenn sie vorbei ist, dann fühlen sich viele wie im Sturm verloren, nah am Abgrund, dem manche von ihnen zum Opfer fallen werden. Und es muß gesagt werden, weil das schon seit vielen Generationen so ist und noch lange so sein wird. Wenn kein Wunder geschieht.

Die Menschen fingen an, sich nach Jakobs Plänen und Zielen zu erkundigen noch bevor der letzte Schultag überhaupt in Reichweite lag. Jakobs Pläne und Ziele hatten nichts mit dem zu tun, was die Leute als gültige Antworten akzeptieren würden. Es gab keinen Plan, aber ein Ziel hatte Jakob - und obwohl er selbst nicht daran glaubte, daß es wahr werden würde, vieles sollte sich verändern und die Zeit begann schon bald, für Jakobs Ziel voranzuschreiten. Jeden weiteren Tag kam Jakob seinem Ziel näher. Es begann mit einem Zauber.

Kaum zwei Wochen, nachdem Jakob die Schule für immer hinter sich hatte, konnte er die ständigen Erkundigungen und Ratschläge der Menschen um ihn herum nicht mehr ertragen, weil sie sich alle zum Ziel gemacht zu haben schienen, die Angst in Jakobs Leben wachsen zu lassen. Es schien, als wollten die Leute, von denen Jakob die meisten kaum kannte, daß die Angst Jakob verschlingt. Und das tat die Angst dann auch beinahe. Jakob verkroch sich in sein Zimmer. Den Stimmen der Menschen im Flur, die nun in Scharen vorbeikamen, um sich nach Jakob zu erkundigen, konnte er dennoch nicht entfliehen. Zusammengekauert auf seinem Bett, wünschte er sich nur, die Menschen würden verstummen und alles wäre weit weg, würde wie von einem Schleier verhüllt, hinter dem die Dinge nicht mehr so furchterregend erscheinen. Jakob schaute aus dem Fenster und sehnte sich dabei nach Freiheit, obwohl er wußte, daß auch Freiheit sich manchmal gut mit der Angst versteht, wenn es keine wirkliche Freiheit ist. Wenn die einzige Freiheit diejenige ist, entweder zu siegen oder unterzugehen, dann ist die Angst in einer solch freien Welt die größte Macht von allen. Die Welt ist nun ein Königreich der Angst und sie wird es bleiben. Wenn kein Wunder geschieht.

Von seiner Verzweiflung erfüllt und voller Wut über die Menschen, die ihm keinen Frieden gönnen würden, starrte Jakob vor sich hin, ohne etwas von dem wahrzunehmen, was vor ihm lag. Ein paar Minuten starrte er einfach nur in die endlose Leere, bis der Wind begann, ein wenig mit den Blättern zu spielen. Plötzlich kehrte der Fokus in Jakobs Blick zurück. Sein Blick viel auf die Hecken vor dem Haus und dabei war sein sehnlichster Wunsch, daß diese Hecken alles überwuchern sollten. Sie sollten immer höher in den Himmel wachsen, - das Haus, in dem Jakob mit seinen Eltern lebte, von der Außenwelt abschneiden, so daß keiner mehr eindringen könne.

So war der Zauber mit einem Mal in der Welt. Aber Jakob wußte das noch nicht. Es gab kein Zeichen, keine plötzliche Veränderung. Der Zauber brauchte seine Zeit. Doch alles sollte nun anders werden.>

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© Andre Seifert, 2006
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