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Hinter den Hecken
Eine Geschichte für Kinder und Erwachsene
Seite 5
Die Tage vergingen. Nichts schien sich zu ändern. Die meisten Menschen, die Jakob kannten, – und sei es auch nur aus der Entfernung – die wussten, daß es für Menschen wie Jakob eigentlich keinen Platz mehr gibt in der Welt. Und das freut immer viele der Menschen, die so etwas wissen. Trotzdem fragen sie immerzu: „Und hat er jetzt endlich einen Platz gefunden, der Jakob? Einen Platz, an dem man ihn haben will? Einen Platz, an dem er für uns alle von Nutzen sein kann?“

Die Tage vergingen und nichts geschah. Jakob ging nicht mehr oft nach draußen. Nur ab und zu. Und die Hecken wuchsen. Doch sie brauchten Jahre, viele Jahre. Man merkte es kaum. Man sah es nicht. Es war nicht so, daß die Hecken plötzlich meterhoch in die Höhe geschossen wären. Nein, ganz gewiß nicht. Jeden Tag nur ein Stückchen – das war alles. Und niemand hätte einen Unterschied bemerken können.

Wenn Jakob nach draußen ging, dann mußte das schon einen guten Grund haben. Meistens tat er das, um sich mit jemandem zu treffen, den er noch aus der Schulzeit kannte. Es war schön zu sehen, daß die Menschen sich kaum veränderten. Man meint dann, es wäre noch nicht so viel Zeit vergangen, wie tatsächlich schon vergangen ist. Noch Jahre nachdem die Schulzeit vorbei war, traf Jakob sich ab und zu mit Leuten, die er schon früher kannte. Und er war froh, wenn er merkte, daß jemand noch genauso war wie damals. Die Gesichter sahen noch genauso aus. Sie waren noch genauso weich und rund, noch genauso offen und erwartungsvoll. Nur manche zeigten mit den Jahren erste Veränderungen, wenn das Leben sich für sie verfestigte. Wenn die ersten Kinder geboren wurden, wenn die ersten geregelten Verhältnisse einkehrten und wenn die Sorge wegen des Mangels an geregelten Verhältnissen für angespannte Züge in Gesichtern sorgte. Doch die Leute, die Jakob aus der Schule kannte, die blieben im Großen und Ganzen sie selbst, was wie gesagt schön war.

Seltsam war es nur, wenn Jakob mit Leuten zusammentraf, die ihm noch nicht aufgrund einer gemeinsamen Jugend vertraut waren. Je mehr Zeit verging, umso unheimlicher wurden solche Begegnungen für Jakob.

Natürlich wußte er, daß man sich als Mensch nicht vor dem Leben verstecken darf. Das wird ja von einem behauptet, wenn man Begegnungen mit anderen Menschen lieber aus dem Weg geht. Jakob wollte sich also so gut es ging bemühen, dem Leben gerecht zu werden.
Er nutze Gelegenheiten, um Bekanntschaften zu schließen. Hier und da mal ein Fest, hier und da trifft man auch jemanden bei der Suche nach seinem Platz im Leben. Da kreuzen sich schon recht viele Wege einmal.

Doch wenn Jakob dann auf fremde Menschen traf, dann fiel ihm häufig auf, daß er nichts mit diesen Menschen gemein zu haben schien. Es schien ihm, als sei der andere Mensch unter anderen Bedingungen zu einer anderen Art Mensch geworden. Dann dachte Jakob manchmal, daß sich vielleicht doch etwas verändert hatte. Denn viele der Menschen, die er traf – und dabei waren es eigentlich gar nicht einmal viele – schienen ihrer Umwelt zu entsprechen, die nicht Jakobs Umwelt war. Ihre Stimmen kamen Jakob so laut vor. Aber vielleicht auch nur, weil Jakob Menschen einfach nicht mehr gewohnt war. Manche der Menschen hatten eine rauhere, dickere Haut. Manche hatten Körper, die sahen aus wie ein Teig – und dennoch fühlten sie sich an als trügen sie einen Panzer. Es gibt Körper, Gesichter und Stimmen, die will man nur vergessen. So als würde einen der Gedanke daran vergiften. Man wünscht sie unendlich weit weg.

Es gibt Menschen, die starren wir an, weil wir die Erinnerung an sie in unsere Seele einbrennen wollen; von denen wir wissen, daß wir sie verlieren werden. Aber das ist Jakob höchstens einmal widerfahren. Und das war schon lange her. Für einen solchen Menschen, den wir nicht vergessen wollen, gehören wir mit großer Wahrscheinlichkeit bloß zum Meer der Körper, Gesichter und Stimmen, die derjenige Mensch nur vergessen will, weil der Gedanke daran schon wie eine Verunreinigung für ihn wäre. Es gibt Menschen, die sind aus einem härteren Material gemacht. So sehr wir uns mühen, wir können nicht die Mauern einreißen, hinter denen sie ihre Sehnsüchte verbergen. Wir können ihre Herzen nicht erweichen und in ihren Träumen niemals sein.>

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© Andre Seifert, 2006
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