Es kam der Punkt, an dem Jakob sich sicher war, daß von nun an keine Verbindung mehr für ihn möglich war. Fünf Jahre waren nun vergangen seit dem Ende der Schulzeit. Jakob hatte noch keinen Platz in der Welt gefunden. Es sollten weitere fünf Jahre folgen, doch die fanden im Verborgenen statt. Fünf Jahre nach dem Ende der Schulzeit ging Jakob ein letztes Mal nachhause. Er schloss die Tür hinter sich.
Die Hecken hatten lange warten müssen. Solange Jakob noch ab und zu hinausging, wollten sie ihm nicht den Weg versperren und haben deshalb ihre volle Pracht versteckt. Wie gefaltete und sorgfältig verstaute Decken haben sie ihre neuen Äste und Blüten für den Moment aufgehoben, in dem Jakob das Haus nicht mehr verlassen würde. Dann würden sie ein schützendes Zelt über Jakob und dem Haus aufspannen, in dem er mit seiner Familie lebte.
Am nächsten Morgen war das Haus bereits mit Ranken überwuchert. Das gleißende Morgenlicht wurde gedämpft von einem Schleier aus Blättern. Wenn man hinausblickte, sah man ein Schattenspiel, ein Mosaik aus Zweigen, durch die das Licht sich einen Weg bahnte. Man sah kaum noch, was dahinter lag, - die Häuser, den Verkehr.
Es waren friedvolle Jahre. Jeder wußte, daß etwas Gutes geschehen war. Die Hecken taten, wozu kein Mensch fähig gewesen wäre. Sie gaben Schutz. Jakobs Eltern stellten ihm keine Fragen mehr. Sie wussten nun, daß sein Platz genau hier war. Hinter den Hecken.
Würde man doch nicht von den Kindern verlangen, daß sie genauso leben müssen, wie ihre Eltern und deren Eltern vor ihnen. Die Menschen denken, daß man sich plagen muß. Sie wollen Anerkennung erlangen, indem sie zeigen, daß sie sich selbst einem Leben opfern, das sie nur von ihren wirklichen Bedürfnissen und Wünschen fernhält. Deshalb reißen wir uns um Plätze, die uns andere geben sollen, die uns meist keine geben wollen. In der Regel stören wir andere nur, fallen ihnen auf die Nerven, stehlen ihre ach so kostbare Zeit auf unserer Suche nach Plätzen, die wir einnehmen müssen und die wir brauchen, um uns selbst als wertvoll betrachten zu dürfen. Und auf dieser Jagd nach den kostbaren und seltenen Plätzen steigen wir über andere hinweg und werden selbst zuweilen niedergetrampelt. Dabei preisen wir wie Marktschreier unsere Vorzüge an und gewöhnen uns ab, Schmerz zu empfinden. Unsere Stimmen werden lauter, unsere Haut wird dick und rauh.
Wenn wir erfolgreich sind in dieser Welt, dann können wir uns viele schöne Dinge kaufen, die uns darüber hinweg trösten, daß wir uns selbst um die Möglichkeit gebracht haben, in Ruhe und Frieden zu leben, ohne irgendjemandem Rechenschaft schuldig zu sein. Es muß schon ein kleines Wunder geschehen, wenn wir unseren Traum verwirklichen wollen, so zu leben, wie es uns wirklich entspricht.
Ein Traum, der kein Traum sein darf, weil er keine Aussicht auf Erfüllung hat, nährt eine Verzweiflung, der zuweilen schon einmal viele Menschen anheim fallen. Ein Traum, der so intensiv und lebendig zu sein scheint, als sei seine Erfüllung eine Notwendigkeit wie unser Bedürfnis nach Atemluft wenn ein solcher Traum nicht sein darf, dann kann der Mensch, der diesen Traum in sich hat, dem Wahnsinn verfallen. Das sagen dann zumindest andere Menschen über den Träumer.
Jakobs Traum wurde wahr, weil die Verzweiflung und die Wut eine neue Kraft gebaren, die einen Zauber in der Welt möglich machte. Mit den Jahren wurden die Hecken eins mit dem Haus und irgendwann begannen die alten Mauern sich einfach aufzulösen, weil niemand sie mehr brauchte. Die Wände aus Ästen und Blättern waren ein viel besserer Schutz. Das Licht der Sonne funkelte hindurch. Den Gesang der Vögel konnte man durch diese Wände hindurch hören. Aber alles, was mit der Welt der Menschen zu tun hatte, blieb ausgesperrt. Die Hecken trugen wunderschöne Blüten im Frühjahr. Im Winter trugen sie ihr weißes Festkleid und das Haus, in dem Jakob mit seiner Familie lebte, sah dann aus wie ein Schneepalast.>