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Auf dem Seil und Darunter
Eine Geschichte für Kinder und Erwachsene
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Ein Zirkus ist in der Stadt.
Einmal in jedem Jahr kommen die Akrobaten hier vorbei und bleiben für zwei oder drei Abende, um die Menschen dieser Stadt zu erfreuen.

Wer weiß, ob es wieder ein Publikum geben wird? Der Zirkus ist schon lange aus der Mode, sagt man. Aber es gibt sie noch, die Zirkusleute. Und solange sie noch unterwegs sind und immer wieder ihre Zelte in den Städten und Dörfern aufbauen, ist die Welt noch nicht vollkommen grau.

Das ist vielleicht nur eine romantische Vorstellung.
Vielleicht würde gar mancher Artist in einem Zirkus sagen, daß der Zirkus auch bloß ein Teil der grauen Welt ist, sich mit allen anderen Farben zu dem Grau vermischt, das wir als unseren Alltag kennen.

Aber auch heute noch staunen Kinder, wenn ein Tiger durch Reifen springt, wenn Pudel in bunten Röckchen auf Bällen balancierend ihre Runden drehen und die Clowns in Seifenblasen Purzelbäume schlagen – falls man so etwas schon einmal gesehen hat.
Der Zirkus ändert sich nie. Es ist immer das selbe Programm und darin liegt seine Magie.

Wenn wir in vielen Jahren einmal eine Vorstellung besuchen werden, dann sind da wieder all die Töne, Farben und die kleinen Sensationen, die uns einst so begeistert haben. Und dann bringt uns die Erinnerung heim. Und alle, die wie verloren haben sind wieder nah. Sie warten draußen vor dem Zelt auf uns – unsere Eltern und Großeltern. Wir sind nicht mehr allein.

Es ist immer gut für die Zirkusleute, wenn es in der Stadt, in der sie gerade gastieren, eine Schule gibt. Am besten eine Grundschule, denn die älteren Kinder sind heute schon nicht mehr so leicht zum Staunen zu bringen. In dieser kleinen Stadt gibt es zum Glück eine Grundschule und jedes Jahr besuchen alle Schulklassen einmal die Vorstellung. Das ist ein kleines Ritual, das vielleicht bedeutet, daß solange die Kinder noch in der Grundschule sind, es für sie noch eine Zeit und einen Raum für Dinge gibt, die keinem bestimmten Zweck dienen - die einfach nur lustiger Zeitvertreib sind.

Unzählige Schulklassen in dieser Stadt haben schon die Vorstellungen in diesem Zirkus besucht.
So besucht auch Frau Haller mit all ihren Klassen jedesmal eine Mittagsvorstellung.
Zu dieser Tageszeit besteht das Publikum eigentlich nur aus Schulklassen - und ein paar alten Leuten mit ihren Enkeln, die an diesem Tag ausnahmsweise mal nicht in den Kindergarten müssen.

Vor etwa fünfzehn Jahren war Frau Haller zum ersten Mal Klassenlehrerin. Es war für sie also eine neue Erfahrung. Und sie machte ihre Sache gar nicht einmal schlecht.
Frau Haller machte viele Unternehmungen mit ihrer Klasse. Mal stand ein Waldspaziergang auf dem Programm, mal ein Grillfest gemeinsam mit den Eltern der Kinder. Schöner waren die Unternehmungen, bei denen die Eltern zuhause bleiben durften.

Die Elternfeste verliefen meist recht angespannt. Manche Eltern versuchten bei solchen Gelegenheiten immer, von der Lehrerin vertrauliche Informationen über die Leistungen und das Verhalten ihrer Kinder zu ergattern. Manche Eltern, Väter meist, betranken sich bei derlei Festen, was den Ehefrauen dann peinlich war und was die anderen Elternpaare meist mit Schadenfreude zur Kenntnis nahmen, solange es nicht zu einer Schlägerei kam, was durchaus schon einmal vorkommen konnte. >

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© Andre Seifert, 2006
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