Geschichten
Essays
Erfahrungen
Reviews
Design
Muse
Auf dem Seil und Darunter
Eine Geschichte für Kinder und Erwachsene
Seite 2
Die allererste Klasse von Frau Haller bestand aus 19 Kindern, davon waren 11 Mädchen und 8 waren Jungen.
Man mag meinen, daß so eine Grundschulklasse eine recht gleichförmige Ansammlung von Kindern ist, denen man in diesem Alter wohl im Allgemeinen nicht viel Persönlichkeit und daher auch nicht viele Unterschiede zugesteht. In der Klasse von Frau Haller ließen sich aber zahlreiche Unterschiede beobachten. Es wurde anhand zahlreicher Merkmale unterschieden.

Es gab die Kinder aus der Innenstadt, die sich manchmal für besser hielten als die Fahrschüler aus den umliegenden Stadtteilen, die es in jedem Fall zumindest weniger bequem hatten. Die Kinder aus der Innenstadt konnten nach der Unterrichtszeit beispielsweise noch eine Weile auf dem Schulhof spielen oder gemeinsam einen Abstecher in die Eisdiele machen, während die Fahrschüler pünktlich zum Ende der letzten Schulstunde sofort von Bussen wieder in ihre Stadtteile verfrachtet wurden. So lernten die Stadtteil-Kinder schon recht früh, daß auf die Pflicht meist kein Vergnügen folgt.

Es gab die deutschen Kinder und die türkischen Kinder und irgendwann ist sogar noch ein philippinisches Kind dazugekommen. Die Kinder unterschieden sich hauptsächlich aufgrund der heimischen Bräuche, darin was zuhause gegessen und getrunken wurde und darin, woran man glaubte oder was man glaubte, glauben zu müssen.
Die Handflächen der türkischen Mädchen waren manchmal rot von Henna, was die anderen Kinder irgendwie geheimnisvoll fanden. Die türkischen Mädchen blieben in der Regel ebenso unter sich wie die deutschen Mädchen. Und die türkischen Jungen blieben in der Regel ebenso unter sich wie die deutschen Jungen. Nur das philippinische Kind, das im Übrigen auch ein Junge war, wurde von der Lehrerin mal hier hin und mal da hin dazu gestellt. Das philippinische Kind hatte leider das schwerste Los gezogen.

Aber auch innerhalb dieser verschiedenen Gruppen war das Miteinander keineswegs so harmonisch, wie es auf den ersten Blick den Anschein haben mochte. So hatten die Innenstadt-Mädchen beispielsweise nichts mit den Stadtteil-Mädchen zu tun. Nur an Geburtstagen fielen diese Schranken und auch die Stadtteil-Mädchen wurden von den Innenstadt-Mädchen eingeladen. Die Jungs in der Klasse kamen alle aus der Innenstadt, weshalb die eine Unterscheidung schon einmal wegfiel. Dennoch waren die Grenzen in diesem Bereich vielleicht am allerstrengsten gezogen. Die Unterscheidung lautete wie folgt: Es gab die beiden Händlerssöhne, die in erbitterter Konkurrenz zueinander standen, obwohl sie sich charakterlich doch sehr ähnelten, es gab die beiden Söhne aus besserem Hause, die sich bestens miteinander verstanden, es gab die türkischen Jungs, von deren Familien man nichts wußte, es gab das überall ungewollte philippinische Kind und es gab Paul, der auch nicht viel besser in das Gefüge hineinpasste als der philippinische Junge, weil er weder ein Händlerssohn war noch aus besserem Hause kam.

Vielleicht versuchte die Lehrerin deshalb, das philippinische Kind Paul als Anhängsel aufzudrängen, als es neu in die Klasse kam.
Aber da Kinder ein gutes Gespür dafür haben, was ihrer sozialen Position nicht gerade förderlich ist, war Paul nicht besonders freundlich zu seinem unfreiwilligen Schützling.
Auch war Paul nicht sonderlich begabt für das geduldige Beibringen von Dingen, die für das philippinische Kind neu und fremd waren und er reagierte zunehmend unfreundlich auf Nachfragen des philippinischen Kindes.

Paul galt als kluges Kind und es war sicher nur gut gemeint von der Lehrerin, Paul als eine Art Nachhilfelehrer für das philippinische Kind in die Pflicht zu nehmen. Aber leider war es weder für Paul noch für das philippinische Kind eine besonders erfreuliche Erfahrung.

Die pädagogische Maßnahme der Lehrerin unterstrich nur Pauls Nichtzugehörigkeit zu einer Gruppe. Jeder dachte, daß der neue Schüler neben Paul gesetzt wurde, weil Paul eh nirgends dazugehörte und es der Lehrerin deshalb am einfachsten erschien, das besagte Bündnis herstellen zu wollen, was wie gesagt nicht sonderlich erfolgreich war. >

Auch als PDF-Download zu haben.
© Andre Seifert, 2006
Editorial Über Muse Links Impressum