Das Ergebnis war nur, daß Paul das philippinische Kind abgrundtief zu hassen began - dafür das seine Existenz Paul in seiner Klasse erst recht ausgrenzte, was die Lehrerin aber nicht bemerkte und vielleicht auch nicht begriffen hätte.
Die Kinder beobachten einander sehr genau.
Jeder hat seine eigene Position inne, jeder weiß wo der andere steht. Weiter oben, oder weiter unten.
Je nachdem, wo man steht, kann man sich mitunter ein paar Freiheiten mehr herausnehmen als die anderen, die etwas weniger angesehen sind. Das wertvolle Ansehen bemißt sich sowohl anhand der Beliebtheit bei der Klassenlehrerin als auch an der Zugehörigkeit zu einer möglichst starken Gruppe.
Die stärkste Gruppe in Pauls Klasse war zweifellos die Gruppe der Innenstadt-Mädchen, was zum einen durch ihre schlichtweg übermächtige Anzahl als auch durch das darin besonders verbreitete Talent zur psychologischen Kriegsführung bedingt war.
Die zweitstärkste Gruppe bestand nur aus zwei Personen, den beiden Söhnen aus dem städtischen Einzelhandel, die sich keineswegs nur mittels körperlicher Gewalt ihre Position erarbeitet haben, wie man vielleicht meinen könnte.
Tatsächlich waren die Innenstadt-Mädchen deutlich gewalttätiger. Doch darauf kommen wir etwas später noch zu sprechen.
Die beiden Händlerssöhne hingegen versuchten sich gegenseitig auf der Jagd nach dem Titel des Klassenclowns zu übertrumpfen, was ihnen eben besonders viel Aufmerksamkeit zuteil werden ließ, die einer starken Position im Klassengefüge durchaus nicht hinderlich ist.
Die Händlerssöhne wussten, sie würden später einmal etwas besitzen. Sie würden einmal zu den wichtigen Leuten im Ort gehören - ganz egal, wie sie in der Schule abschneiden würden.
Diese Gewissheit gab ihnen auch eine Selbstsicherheit und Zuversicht, die sie von allen anderen Kindern unterschied.
Dank ihrer Clownereien gerieten sie zumindest nie in Gefahr vergessen zu werden - etwa auf Klassenausflügen, auf denen sich die Lehrerin das ein oder andere Mal gefragt haben mag, welches Kind da wohl gerade wieder fehlt, an das sie sich partout nicht erinnern konnte.
Nein, nein, nicht Paul. Paul wurde von der Lehrerin auch nicht vergessen. Er gehörte zwar keiner Gruppe an, aber diese abweichende Position bescherte ihm auch eine gewisse Beachtung.
In Gefahr, vergessen zu werden, waren vor allem die Stadtteil-Kinder, die auch die Lehrerin in ihrer Freizeit nicht so oft zu sehen bekam im Gegensatz zu den Innenstadt-Mädchen, denen man immer mal über den Weg laufen konnte, ob nun im Eiskaffee oder im städtischen Freibad.
Auf dem Seil: Die Tänzerin, mutig und doch beherrscht. Gebieterisch macht sie sich ein Stück vom Himmel zueigen und trotzt dem Wind. Es ist oft der Wind, der die Dinge bewegt.
Man sagt, es sei der Wille, es seien die physikalischen Kräfte - oder der Mond. Doch vom Wind spricht man selten, wenn man die Bewegung der Menschen zu ergründen versucht.
Die Tänzerin auf dem Seil zeigt uns, wie schnell es vorbei sein kann mit dem festen Halt, wie nah der Mensch zuweilen dem Absturz ist und wie nur ein kleiner Hauch des Windes genügt, um den Menschen zu Fall zu bringen.
Die Seiltänzerin ist ein Symbol für das Leben, in dem es keine Sicherheit gibt. Und sie ist ein Vorbild, weil sie selbst in der Gefahr ihre Anmut nicht verliert.
Andererseits ist es natürlich auch nicht so klug, daß manche Menschen gerne so wären wie die Seiltänzer. Klüger wäre es, sie würden sich einen festen Boden unter ihren Füßen erkämpfen. >