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Auf dem Seil und Darunter
Eine Geschichte für Kinder und Erwachsene
Seite 4
Da sind die Elefanten, die Pferde, die ihre Runden in der Kuppel drehen und die gefährlichen Tiger. Da sind die Clowns, die alle mögen und die doch niemand wirklich respektiert. Die Dompteure der wilden Tiere sind geachteter, weil die Menschen es lieben zu sehen, wenn andere mit ihrer Angst kämpfen. Damit können sie sich dann besser identifizieren als mit den sorglosen Clowns, die sich ganz ihren Gefühlen hingeben. Dieser Aspekt des Wesens eines Clowns ängstigt sogar manche Menschen mehr noch als die wildesten Tiere.

Und zu den Seiltänzern blicken alle auf, denn ihr Tun erfordert die größte Überwindung. Ist der Dompteur erst einmal im Käfig, dann gibt es für ihn eh kein Zurück mehr. Er muß mit den Tieren fertig werden, ob er nun will oder nicht.
Aber für die Seiltänzer ist jeder Schritt eine ebenso folgenschwere Entscheidung wie der Schritt davor. Bei jedem Schritt lockt die Möglichkeit des Zurückweichens, solange die Mitte des Seils noch nicht erreicht ist. Und ist die Mitte einmal erreicht, dann spielt es keine Rolle mehr, wohin man als nächstes tritt. Die Prüfung bestehen oder Versagen. Unten lauert der Abgrund. Damit können sich die Menschen nun wirklich gut identifizieren.

Die Seiltänzer spielen eine Stellvertreter-Rolle für uns alle. Dafür applaudieren wir ihnen begeistert. Sie tun auf ihre Art, was wir alle auf eine andere Art tun müssen, die meist nicht unsere eigene ist.

Die Menschen im Publikum schauten auf zu der Seiltänzerin, die an diesem Tag einen einsamen Tanz zum besten gab. Die Menschen staunten. Und wenn die Menschen staunen, dann verlieren sie manchmal die Kontrolle über das Bild, das sie verkörpern und fallen zuweilen aus der Rolle.

Pauls Mutter war seit einiger Zeit sehr krank gewesen. Da war es eine große Befreiung für Paul, für einen Moment die ständige Sorge einmal zu vergessen. Die Erleichterung, beim Bangen um die Seiltänzerin von dieser Sorge für einen Moment befreit zu sein, ließ ein Lachen - ein Glucksen vielmehr - in seinem Körper emporsteigen, der sich nun zum ersten Mal seit langem wieder leicht anfühlte. Für einen Moment war die Schwere von ihm gewichen und die Enge in seinem Brustkorb, an die er sich gewöhnt hatte, wich mit einem Mal der Atemluft, die nun freier strömte als sonst.
Es war das Geschenk der Ablenkung, das Paul so befreit lachen ließ. Aber sogleich wurde dem natürlich ein Ende gemacht. Das darf nämlich nicht sein, dass einer sich befreit fühlt.

Die Kinder beobachten einander sehr genau.
Sie sind wie eine Miniatur-Polizei. Manche tun sich durch besonderen Eifer hervor. So wie Annika, die immer um sich blickte auf der Suche nach menschlichen Verfehlungen. Paul mochte Annika, so wie jeder sie mochte. Er betrachtete sie als Freundin.
Annikas Blick fiel vielleicht zufällig auf Paul. Vielleicht hörte sie sogar wirklich sein leises Lachen. Paul bemerkte die Veränderung in Annikas Blick. Er spürte, dass sie etwas vorhatte, machte sich aber keine weiteren Gedanken darüber. Zuerst verbreitete sich ausgehend von Annika ein Getuschel in den Reihen der Innenstadt-Mädchen, - so als würde ein geheimer Schlachtplan abgesprochen. Annika behielt natürlich die Rolle der Wortführerin inne, schließlich war sie ja auch Klassensprecherin.

„Frau Lehrerin, der Paul lacht!“
Die gleichgültige Reaktion der Lehrerin befriedigte Annika offenbar nicht.
„Der Paul lacht das Mädchen auf dem Seil aus!“ Frau Haller registrierte Annikas recht verbissene Weigerung, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Also versuchte die Lehrerin mit wenigen Worten zu erklären, dass einem durchaus auch einmal ein Lachen entfahren kann, wenn man sehr aufgeregt ist.

Die arme Annika. Da sah sie ihre große Chance gekommen und bei der Lehrerin wollte ihr sekundenschnell gefasster Plan einfach nicht aufgehen. Nein, die kleine Denunziantin war noch nicht befriedigt. >

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© Andre Seifert, 2006
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