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Auf dem Seil und Darunter
Eine Geschichte für Kinder und Erwachsene
Seite 5
Hasserfüllt, nun ihrerseits mit einem unterdrückten Lachen, scharte sie die anderen Innenstadt-Mädchen um sich und schien sich aus einem unerfindlichen Grund zu einem Rachefeldzug gegen Paul berufen zu fühlen. Gemeinsam starrten sie Paul noch eine Weile angriffslustig an.

Paul war indessen das Lachen vergangen. Er war wieder auf dem Boden der Tatsachen angelangt, wie man so sagt.

Noch Wochen später verbreiteten die Innenstadt-Mädchen unter sachkundiger Anleitung Annikas die Kunde von Pauls schrecklichem Verhalten in der ganzen Schule und selbstverständlich auch bei den Eltern zuhause.
Den meisten Kindern in der Schule war das gottlob völlig egal. Aber es war auch nicht so sehr der Inhalt des Verrats, der Paul schmerzte. Es war der Akt des Verrats - der Vernichtungswille, den er in den Augen der Mädchen sah, die er bis vor kurzem noch für Freundinnen gehalten hatte.

Vielleicht ist es wie bei den Katastrophenbildern in den Fernsehnachrichten. Wir kennen die Bilder der Menschen, die in den Nachrichten weinen, schreien und klagen, wenn beispielsweise eine Naturkatastrophe ihr Hab und Gut vernichtet hat. Da stehen die Menschen dann weinend vor dem reißenden Fluß oder vor den eingefallenen Häusern und wir können das Weinen ebenso verstehen wie das Bitten der verhungernden Kinder in anderen Teilen der Welt. Sie wirken auf uns wie die Tänzer einer vorgegebenen Choreographie. Sie fügen sich ein ins Bild, auf dem Elend geschrieben steht und die Vorstellung ist stimmig.
Nur wenn tatsächlich einmal etwas an so einem Bild nicht stimmt, dann sehen wir auf einmal den Horror, den das Bild uns zeigt und den wir im Normalfall einfach nicht mehr an uns heranlassen können, der nicht mehr zu uns durchdringt.

Wenn etwa ein Mensch, von dem man ein Weinen und Klagen und Schreien erwarten würde, statt dessen schallend lacht, sich einfach über unsere Erwartung hinwegsetzt und nicht brav im Rahmen der unserer Meinung nach angemessenen Gefühle bleibt, dann öffnet dieser Mensch in seiner wahrhaft außer Kontrolle geratenen Verzweiflung unseren Blick für das Monströse seiner Situation.

Es scheint also ein Gefühlsrepertoire zu geben, dessen regelgerechte Verwendung dafür sorgt, daß das Leben nicht aus den Fugen gerät, die Augen nicht geöffnet werden, da wo man sie lieber geschlossen hält.

Wenn dann einmal einer lacht, während doch alle erschrocken dreinzublicken haben, könnte vielleicht jemand anderes auf die Idee kommen - für einen Moment aus dem Halbschlaf der Gewohnheit gerissen - sich zu fragen, was der Tanz auf dem Seil eigentlich soll.

Wer kümmert sich um die Kinder der Gefallenen? Irgend jemand aus dem Publikum? Die liebe Annika, die weiß wie man zu schauen hat?

Wenn Paul jemals wieder einen Zirkus besuchen würde, dann würde er immer die Augen der Innenstadt-Mädchen auf sich spüren, die ihn anklagend anstarren und sagen „Schäm' Dich, Paul!“. >

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© Andre Seifert, 2006
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