Vielleicht hat Annika nie wirklich ein Gefühl gekannt. Sie lebte nie in Sorge um irgend jemanden und war statt dessen stets nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Das macht Menschen natürlich kalt und unsympathisch. Aber sie wußte, wie man Gefühle darzustellen hat. Ihre Empörung über Paul war genauso gespielt wie ihre Freundlichkeit. Es ging ihr nur um ihre eigene Position.
Die geborene Schauspielerin - nur daß ihre Imitationen für das geübte Auge irgendwann nicht mehr sehr überzeugend waren.
Was wohl aus Paul geworden ist? Man hat ihn lange nicht mehr gesehen in dieser Stadt. Es gibt nur Getuschel, um das man sich nicht zu kümmern braucht. Noch immer sind es die einstigen Innenstadt- Mädchen, die das Tuscheln als ihre liebste Beschäftigung pflegen.
Und Annika?
Ein erwachsen gewordenes Innenstadt-Mädchen, das alles so machte, wie es verlangt und gewünscht wurde.
Sie erlernte einen anständigen Beruf und fand irgendwann nach einigen Fehlschlägen dann auch endlich den perfekten jungen Mann, den sie heiratete. Nach einiger Zeit kamen dann auch zwei Kinder dazu und alle lebten gemeinsam in einem anständigen Haus. Sie hat sich die Art von Leben erarbeitet, mit dem einem der Applaus von allen Seiten sicher ist. „Bei Kollegen und Vorgesetzten gleichermaßen beliebt“. Das erreicht man, wenn man weiß, wie man immer die gewünschten Gefühle darstellen kann, wenn man immer das richtige Gesicht aufzusetzen versteht.
Nur manchmal, wenn Annika nicht aufpasst, entgleitet ihr das angemessene Gesicht.
Dann sehen ihre Kinder und manchmal auch nachts ihr Ehemann, wenn Annika schläft, das Gesicht eines garstigen alten Weibes vor sich, das nur Missgunst und Bosheit in sich hat und darauf wartet, in vielen Jahren einmal hinter der Fassade zum Vorschein zu kommen.