Geschichten
Essays
Erfahrungen
Reviews
Design
Muse
Der Glanz eines Sterns
Eine Geschichte
Seite 1
I.

Jeder Anlaß ist willkommen, der eine Abwechslung vom Alltag bietet.
Besonders dann, wenn der Alltag Schule heißt. Dann ist selbst der Anlaß Schülerversammlung ein höchst willkommener. Eine interessante Abwechslung ist es allemal, aber nicht wegen dem, was da vorne verhandelt wird. Nicht wegen den Entscheidungen, die getroffen werden, die eh nichts daran ändern, wie das Schülerdasein eben nun mal ist.
Könnten Schülerversammlungen daran irgend etwas ändern, dann gäbe es sie sicher nicht.
Interessant ist eher die Choreographie.

Im Scheinwerferlicht die leuchtenden Sterne.
Von den Schülern gewählt, vorgeblich um deren Interessen zu vertreten.

In Wirklichkeit sind solche Abstimmungen nicht mehr als die bloße Vergabe von Sympathiepunkten. Die Unambitionierten, die Bescheidenen und die Schüchternen wählen die Ehrgeizigeren, die Selbstbewußteren und die Neurotischen, die sich zur Wahl stellen. Die herausragenden Persönlichkeiten.
Doch nicht jeder ist mit der Wahl zufrieden.

Der strahlendste Stern trug auch an diesem Vormittag, wie an so vielen anderen, den Namen Juri.
Der von allen Geliebte.
Nein, das zu behaupten, wäre eigentlich ein wenig übertrieben – aber nur ein ganz kleines bißchen. Es gab tatsächlich auch eine gewisse Anzahl von Schülern und Schülerinnen, die Juri ebenso leidenschaftlich hassten, wie viele andere Schüler und Schülerinnen ihn liebten, anbeteten oder vergötterten.

In seine Gedanken wurde viel hineininterpretiert, weil er nicht viele davon äußerte. Es wirkte manchmal so, als habe er gar keine Gedanken in sich und davon waren viele fasziniert, weil sie vermuteten, daß seine tatsächlichen Gedanken umso tiefer seien, als es das Gewicht seiner wenigen Worte erahnen lassen würde.

Juri war ein König, der er verstand, seinen Untertanen das Gefühl zu geben, als stünden sie mit ihm auf einer Stufe. Daher verhielten jene Untertanen sich mit der Zeit immer mehr wie ein treues Heer das seinen König gegen alle Bedrohungen verteidigte. Denn nur wenn der König unangetastet bliebe, könnten sie ihren eigenen Status aufrechterhalten.
Ein prunkvoller König war Juri sicher nicht. Er war eher ein König von der Art eines Robin Hood – nicht was seine Taten betraf, aber im Hinblick auf seine Ausstrahlung in jedem Fall.
Der König der Unangepassten. Und wer wollte da nicht dazugehören? Besonders in einer Zeit des Lebens, in der es noch als vorteilhaft gilt, unangepasst zu sein oder so zu tun, als sei man es.

Die Unangepassten feierten in jeder Pause auf dem Schulhof eine Zeremonie zu ihren eigenen Ehren. Sie waren mit sich zufrieden, aber das heißt nicht, daß sie besonders stolz gewesen wären. Stolze Menschen würden mehr darauf achten, daß sie sich nicht allzu schnell lächerlich machen. Stolze Menschen haben eine Ahnung von Verantwortung, selbst wenn es nur die Verantwortung gegenüber der eigenen Rolle sein sollte.
Den Unangepassten hingegen war es vollkommen egal, was andere von ihnen dachten. Das heißt, eigentlich war es ihnen nicht wirklich egal, sie waren nur von der schlafwandlerischen Sicherheit beseelt, die Gewöhnlichen würden ohnehin immer zu ihnen aufschauen – ganz egal, wie sie sich verhalten. >

Auch als PDF-Download zu haben.
© Andre Seifert, 2006
Editorial Über Muse Links Impressum