Aber nicht jedes Verhalten wird im Rahmen des schulischen Lebens toleriert. Das gilt selbst für jene, die aus der Masse herausragen.
Ausgerechnet Juri, um den sich alle scharten und auf dessen Person das ganze Selbstbewußtsein der Unangepassten aufbaute, machte zuweilen Fehler. Diese Fehler waren so gut wie immer von der gleichen Art. Es hatte stets etwas mit dem Verlust von Selbstkontrolle zu tun. Und wenn dies geschah, dann blickten selbst die Unangepassten manchmal nicht mehr zu ihm auf. Statt dessen schauten sie eher beschämt zur Seite oder richteten ihre Blicke zum Boden, so als hätten sie alle im selben Moment irgend etwas fallen lassen, das man dann eben sogleich wieder aufheben muß.
Nach einer Weile wurde dann immer der Mantel des Schweigens über Juris Ausbrüche gelegt. Meist war alles schon am nächsten Tag wieder vergessen oder man tat zumindest so.
Er leistete sich viel und es wurde registriert. Es wurde notiert und es wurde gewartet. Worauf? Auf eine Gelegenheit, die Herrschaft dieses kleinen, selbstbewußten Königs zu beenden. Es warteten nicht wenige.
Auf der Schülerversammlung wurden die üblichen Punkte verhandelt. Es ging wie immer um die Sauberhaltung des Schulhofs, darum, wo sich die Raucher in den Pausen aufzuhalten haben und es wurde eine landesweite Schülerdemonstration angekündigt. Nichts außergewöhnliches also.
Die Schülervertretung bestand aus drei Hauptpersonen und deren unübersichtlichem Dunstkreis. Auf dem Podium hielten sich jedenfalls etwa ein Dutzend offenbar dazu befugte Schüler und Gäste auf.
Die Zusammensetzung einer Schülervertretung war üblicherweise sehr harmonisch. Es wurden oft ganze Freundeskreise in dieses Amt gewählt. Mit der Zeit ließen sich jedoch im Zuge der Verantwortung und der eingebildeten Macht - und dem unvermeidlichen Kampf um besagte Macht - sich verändernde Konstellationen beobachten. Es dauerte in der Regel nicht länger als drei Monate, bis der einstmals intakte Freundeskreis im Zuge der politischen Verantwortung in mindestens zwei verfeindete Lager aufgespalten war, wobei es immer dann besonders unappetitlich für die das Schauspiel bezeugende Schülerschar wurde, wenn eines der Lager nur aus einer Person und das andere aus dem Rest der Truppe bestand. In der Geschichte so mancher Schule wurde schon die ein oder andere Hexe den Flammen der kollektiven Ächtung übergeben.
Die Zusammensetzung der Schülervertretung, der wir uns nun widmen, war leider nicht besonders harmonisch. Zwei ambitionierte Schülerinnen vertraten darin eine gemeinsame Linie. Die Wahl dieser Mädchen war das erste Signal der Schülerschaft gegen die Tyrannei der Spaßgesellschaft seit langem. Aber als drittes Mitglied holten sich die beiden noch Juri in ihr Team. Sie warben ihn sicher nicht zuletzt deshalb an, um ihre Chancen auf den Wahlsieg deutlich zu erhöhen, was ja nicht verwerflich ist, solange es nicht bloß darum geht, jemanden zu benutzen. Man war schließlich auch in loser Freundschaft verbunden. Man hasste einander zumindest nicht. Das Angebot war also einigermaßen aufrichtig gewesen.
Und Juri war, wie die meisten Menschen, nicht ganz uneitel. Ihm gefiel es immer, umworben zu werden. Wem würde das nicht gefallen?
Nun war er also, nach jahrelanger Herrschaft über zahlreiche Herzen, letztendlich auch einmal in einer verantwortungsvollen Position, was er natürlich schon viel früher hätte haben können. Er hatte sich nur nie darum gerissen. Der Gedanke kam ihm wahrscheinlich einfach nicht und seine Position war doch ohnehin schon immer etwas höher angesiedelt gewesen. Er hatte eigentlich, was Ansehen und Zuneigung betrifft, gemeinsam mit seinen auserwählten Kreisen immer über den gewählten Vertretern bürokratischer Autorität gestanden. Seine Einwilligung, sich nun in diese Gefilde zu begeben, war eigentlich ein sozialer Abstieg, was er vorher vielleicht nicht bedacht hatte.
Für Juri war die Anfrage der Mädchen eine nette Geste gewesen und er ging darauf ein, weil er niemanden enttäuschen wollte. Es waren von keiner Seite niedere Beweggründe mit im Spiel.
Manchmal beginnen Dinge mit den besten Absichten. Nicht böses läßt sich darin finden und dennoch wird am Ende eine Katastrophe daraus. So ist es eigentlich meistens, wenn Menschen irgend etwas tun. Sie sind nicht klug und nicht weise genug, um auf die Eigendynamik katastrophaler Entwicklungen einwirken zu können. Irgendwann stehen sie hilflos vor dem Scherbenhaufen, weil sie dem Spiel der Kräfte, die sie entfesseln, mit einem Mal nicht mehr gewachsen sind. Vielleicht sollten sie nicht unentwegt irgendwelche Dinge tun. >