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Der Glanz eines Sterns
Eine Geschichte
Seite 3
Es stellte sich allmählich heraus, daß Juri mit dem steifen Korsett der neuen Rolle nicht zurechtkam. Er war ja immer ein Freigeist gewesen. Und nun hatte er sich an ein Protokoll zu halten. Wenn man in der Schülervertretung ist, erfordert das natürlich eine andere Art der Kommunikation mit der Lehrerschaft und der Verwaltung. Als normaler Schüler ohne weitere Verantwortung kann man diese Kommunikation durchaus auf ein gewisses Minimum reduzieren.

Aber als Mitglied der Schülervertretung geht das sicher nicht. Es ist nicht so, daß Juri nicht gerne gesprochen hätte. Er unterhielt ja gern jede Gesellschaft. Auch mit einigen Lehrern verstand er sich eigentlich recht gut. Das Verhältnis war vorher eben ein anderes. Es gab Lehrer, die ihn mochten – und mit denen verstand er sich. Aber nun mußte er diplomatischer kommunizieren und auch mit Lehrern und Lehrerinnen, die ihm nicht immer besonders gewogen waren. Und eine Schülervertretung hat natürlich zahlreiche Anliegen und Bitten, die sie der Lehrerschaft vorzutragen hat.

Juri war es nicht gewohnt, um irgend etwas zu bitten. Wenn er etwas nicht bekam, dann akzeptierte er das eben. Aber immer wieder um etwas zu bitten, das war wirklich nicht seine Art. Wenn eine Sache längere Verhandlungen erforderte, kam es des öfteren zum Streit innerhalb der Schülervertretung. Dabei standen die beiden vernünftigeren Mädchen meist auf der einen Seite und Juri, der in dieser Konstellation nicht mit einem gleichgesinnten Pendant aufwarten konnte, auf der anderen. Also war die Atmosphäre häufig etwas gereizt. Auch am Tag der Schülerversammlung waren schon deutliche Spannungen vorhanden, die zu einem Ausbruch unterschiedlichster Temperamente führen sollten. Eigentlich eine Nichtigkeit, eine Lappalie. Aber im ereignislosen Schulalltag wird ja so manche Unwichtigkeit zur großen Katastrophe aufgebauscht.

Es fand also ein Streit auf dem Podium vor versammelter Schülerschaft statt. Und es fielen ein paar häßliche Worte. Kein Grund, jemanden von der Schule zu verweisen, aber doch eine willkommene Gelegenheit eine Schülerakte mit einem weiteren unvorteilhaften Vermerk zu versehen. Wenn sich die Vermerke häufen, dann wird das Schülerschicksal böse enden. Und Juris Akte war schon recht voll.

Es ging um die politische Ausrichtung der Schülerzeitung. Einigen Lehrern war die Zeitung im Laufe der Jahre politisch zu einseitig geworden. Die Mehrheit der Schülervertretung zeigte sich entgegenkommend und wollte der Redaktion der Schülerzeitung die Einwände der Lehrerschaft ans Herz legen. Nur Juri war gegen eine derartige inhaltliche Einflußnahme. Als dieser Punkt bei der Schülerversammlung zur Sprache kam, ließen sich die Spannungen nicht verbergen. Als eine der beiden Schülerverteterinnen die Sache zur Diskussion vorlegen wollte, konnte sich Juri einen demonstrativ spöttischen Gesichtsausdruck nicht verkneifen, woraufhin die andere Schülervertreterin ihm in für alle hörbarer Lautstärke attestierte, ein schlechter Verlierer zu sein.

So ergab ein Wort das andere. Man sei schließlich keine politische Organisation hieß es und man habe ja alle Schüler mit ihren jeweiligen politischen Ansichten zu vertreten. Darauf wurde entgegnet, daß man jedoch nicht die Lehrerschaft zu vertreten habe. Am Ende nannte Juri, nachdem er auch einige Beschimpfungen über sich ergehen lassen mußte, seine beiden Kolleginnen „arme Konformisten“ und verließ die Halle.

Das war natürlich ein Fest. In den Reihen der Schüler und Schülerinnen wurde das Getuschel zu lautem Stimmengewirr. „Unmöglich“ und „unglaublich“ aus allen Ecken. Aber auch „Endlich einmal.“.
Es gab also auch Stimmen, die sich an Juris unvorteilhaftem Abgang erfreuten. Ein paar Mädchen in der Reihe hinter Carl reagierten besonders hämisch, so als gäbe es persönliche Gründe für eine derartige Genugtuung. Carl, der Juri ein bißchen kannte, konnte sich jedenfalls nicht erinnern, daß diese Mädchen irgendeine persönliche Geschichte mit Juri verbunden hätte. Vielleicht war es eine stellvertretende Häme - stellvertretend für all jene, die sich von den Unangepassten und deren Herrschaft über den Schulhof ihrerseits verhöhnt und ausgegrenzt fühlten.

Diese Mädchen sahen nicht nach Freundinnen und Verehrerinnen der Unangepassten aus. Es waren eher etwas spröde, brave Mädchen mit etwas spröden, braven Zielen. Solche Leute hassten Juri fast grundsätzlich. >

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© Andre Seifert, 2006
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