Auch Carl wurde von solchen Leuten nicht selten verabscheut, dabei gehörte Carl gar nicht zu den Unangepassten.
Bei ihm entsprang die Unangepasstheit nicht ausschließlich einer Inszenierung. Er passte nicht dazu und nicht hinein aufgrund ungewollter Umstände der Beschaffenheit seines Geistes, der Beschaffenheit seines Körpers.
Die Unangepassten legten sehr viel wert auf ihr Äußeres und Carl wäre schon an der Kleiderordnung gescheitert. Sie trugen nur die angesagtesten Sachen, immer das was noch so neu und kurz vor dem Durchbruch zum allgemeinen Trend war, daß es sich noch nicht bis zum letzten ländlichen Pöbel herumgesprochen hatte.
Es gab durchaus Leute, für die waren sich die Unangepassten zu fein. Das war kein Hafen für seltsame Leute . Man mußte schon sehr enge Kriterien erfüllen, um in diesen erlesenen Zirkel aufsteigen zu dürfen. Carl erfüllte keines davon.
Man kann nicht gerade sagen, daß Carl besonders freundlich gewesen wäre. Er machte jedenfalls auf seine Umwelt keinen freundlichen Eindruck und das ist ja das was zählt, wenn es um Dinge wie Freundlichkeit geht - der Eindruck den andere haben. Er wirkte allerdings auch nicht gerade ausgesprochen unfreundlich und auch nicht auffallend abartig. Aber Offenheit hätte ihm andererseits auch niemand als hervorstechende Eigenschaft attestiert.
Er muß auf die meisten Leute so gewirkt haben, als trüge er ein Schild mit sich herum, auf dem geschrieben steht „Heute keine Sprechstunde“. Dabei hatten die meisten sicher keine Angst, daß er nichts sagen würde. Einige hatten eher ein bißchen Angst vor dem, was er vielleicht zu ihnen gesagt hätte, wenn sie ihn angesprochen hätten. Man könnte sagen, er verbreitete ein leichtes Unbehagen.
Er schleppte vieles mit sich herum, womit die meisten Menschen einfach nicht gerne konfrontiert sind. Da war ein aufgestauter stiller Haß, vielleicht auch Resignation, Müdigkeit. Lauter Dinge eben, die einen nicht gerade zum Liebling einer Schule machen. Manche Leute wollte sich Carl mit seiner Art, sich zu geben, sicherlich vom Leib halten.
Aber es war nicht bloß reine Pose. So gab es auch Leute, die Carl wirklich von ganzem Herzen mochte, die aber wahrscheinlich noch heute irgendwo auf der Welt felsenfest davon überzeugt sind, daß Carl sie damals in der Schule abgrundtief gehasst hat. Es gab viele Leute, denen gegenüber er nicht abweisend wirken wollte, aber es gelang ihm einfach nicht anders. Seine Ausstrahlung hatte etwas strenges, kühles. Wie die meisten Menschen war er sicherlich der Schöpfer des Bildes, das er nach außen verkörperte, aber er litt auch unter diesem Bild, konnte es nicht erweitern oder ansprechender gestalten. Er wirkte unberührbar. Das war sein Schutz.
Und wenn so ein Schutz einmal durchlässig wird, kann alles zusammenbrechen. Alle Türme und Brücken, nach außen und nach innen.
Carl hatte sich immer sehr unter Kontrolle gehabt. Man könnte sagen, in diesem Punkt war er das genaue Gegenteil von Juri. Wo Juri sich manchmal nicht beherrschen konnte, erstickte Carl zuweilen fast an seiner Beherrschung.
Und Juri war frei genug, zu tanzen und zu singen, zu lachen und mit allen Menschen zu reden, wie es ihm gerade einfiel. Nichts hätte diese beiden Menschen verbinden können, sollte man meinen.
Alles was Juri und Carl einmal verbunden hatte war längst vergangen.
Manchmal, wenn die Wege von Reisenden sich zufällig kreuzen, entsteht eine seltsame Magie, die nur im Rahmen dieser einen Reise Bestand hat. Und diese Magie kann Menschen zusammenbringen, die unter normalen Umständen streng voneinander getrennt in ihren jeweils eigenen Kreisen - und auch in ihren jeweils eigenen Verhaltensweisen und Gedanken - eingeschlossen sind.
Der Zufall wollte es, daß Carl und Juri auf der großen Abschlußfahrt ihres Jahrgangs aufeinander trafen. Es war keine Abschlußfahrt im wörtlichen Sinne, denn sie fand bereits über ein Jahr vor dem eigentlichen Schulabschluß statt aus welchen Gründen auch immer. Aber eigentlich war es dafür eher schon fast zu spät, weil sich herausstellte, daß die meisten Beteiligten einander auf dieser Reise überhaupt erst wirklich ein bißchen kennenlernten.
Vorher saß man im Unterricht meistens nur stumm im selben Raum.
Der Hauptgrund dafür, daß Juri und Carl sich auf dieser Reise überhaupt mehr als nur sehr oberflächlich begegneten, lag wohl darin, daß Juri auf dieser Fahrt auf seine Clique der Unangepassten - seinen Hofstaat, wie man spöttisch formulieren könnte - verzichten mußte.
Wie an dieser Schule üblich, taten sich zwei Leistungskurse für diese Fahrt zusammen - und in keinem davon war irgendeiner von Juris eigentlichen Freunden. So kam es also, daß Juri nun ziemlich auf sich allein gestellt war und sich darin dann nicht mehr gar so sehr von Carl unterschied, der ja ohnehin keine besonderen Bindungen zu irgendwelchen Mitreisenden gehabt hätte. Da so eine einigermaßen isolierte Position doch ein wenig verbindet und man in der Fremde auch nicht so sehr darauf achten muß, wie es auf andere Leute wirken mag, wenn man sich mit bestimmten Personen abgibt, lag es also nahe, daß die beiden sich zumindest ein wenig miteinander arrangieren.
Und so vollzog sich erstaunliches.
Carl hatte Juri zuvor eigentlich immer nur misstrauisch aus der Ferne beäugt. Schließlich hasste er beliebte Menschen schon aus Prinzip. Aber so aus der Nähe betrachtet konnte er nichts hassenswertes an Juri entdecken. Zu seinem eigenen Schrecken mußte er feststellen, daß ihm dieser König des Schulhofs eigentlich gleich recht sympathisch war. >