Es würde sich also zumindest aushalten lassen mit dem fremden Zimmergenossen. Zum Glück war auch noch ein dritter Junge in dem Zimmer untergebracht, was Carl von dem ihm sicher sehr unangenehmen Zwang zur Konversation enthob. Wenn man einander nicht kennt, gibt es schließlich nichts zu bereden. Und bevor er sich in belangloser Plauderei geübt hätte, wäre Carl wohl eher aus dem Fenster gesprungen. Eine gewisse Neigung zur Flucht lag jedenfalls in seinem Naturell.
Juri stellte seinerseits fest, daß es gar nicht so beklemmend war, wie er sich das vielleicht vorgestellt haben mag, mit diesem recht stachligen Zeitgenossen etwas Zeit zu verbringen. Aus der Nähe betrachtet war der auf einmal auch gar nicht so kalt und abweisend. Na gut, er war kein Feuerwerk an Wärme und Herzlichkeit - aber es ließ sich ganz gut ertragen.
Es brauchte kaum zwei, drei Tage - da gab es schon eine Vertrautheit.
Man war einander nicht fremd. Carl fragte sich, ob die vielen Freunde nicht auch ein Schutz für Juri waren, so wie er selbst sich durch seine Unnahbarkeit zu schützen versuchte. Er sah diesen Menschen nun mit ganz anderen Augen als früher, aber es war auch so, daß Juri hier andere Seiten von sich zeigte. Ohne seine Kreise gab es keinen Grund, etwas darzustellen. Er fiel aus seiner Rolle und es kam einem vor wie eine Befreiung. Da war nichts eitles, einschüchterndes mehr. Er konnte Menschen eine einnehmende Offenheit entgegenbringen, wenn er nur wollte. Man fühlte sich in seiner Gegenwart wohl, wenn keine anderen Leute dabei waren.
Carl mochte diesen Jungen.
Es war eine verwunschene Zeit. Es war fast wie ein ganz anderes Leben.
Wenn zwei Menschen eine Zuneigung zueinander entwickeln, dann strahlen sie auf andere eine große Stärke aus. Sie erscheinen für eine Weile fast unverwundbar und es scheint sie eine Energie zu umgeben, die sehr schön ist und auf andere anziehend wirkt. Mit einem Mal bekam Carl einen Einblick in die Welt der beliebten Menschen. Leute waren plötzlich sehr freundlich zu ihm. Das heißt, sie waren eigentlich nie wirklich unfreundlich zu ihm gewesen. Aber nun hatten sie keine Angst mehr. Und alles an dieser Zeit war einfach nur schön. Es gibt nichts schlechtes daran zu finden.
Auf der Heimreise fand sich Carl allmählich damit ab, daß nun alles vorbei sein würde. Er wußte schließlich, daß es nur der Zauber einer Reise war. Im normalen Leben würde schnell wieder alles so sein wie vorher. Man würde in seine jeweiligen Kreise zurückkehren und wieder seine alte Rolle einnehmen. Darüber war er sich von Anfang an im Klaren. Schon während der Reise dachte er des öfteren an das Unausweichliche. Er wollte nicht, daß der Lauf der Dinge seinen üblichen Gesetzen folgt. Aber er war nicht naiv genug zu glauben, er könnte es mit denen aufnehmen, die zuhause auf Juri warteten. Also versuchte er, sich innerlich schon einmal von dem Jungen zu lösen, der ihm ans Herz gewachsen war.
Als der Bus auf dem Schulhof einfuhr, standen da schon die Unangepassten und warteten jubilierend auf ihren Hauptmann.
Carl entschwand so schnell wie der Blitz. Er wollte es nicht mit ansehen - die Rückkehr des Königs, die für ihn nur den unwiederbringlichen Verlust eines Freundes bedeuten konnte.
Am Tag nach der Rückkehr geschah allerdings ein weiteres kleines Wunder.
In der letzten Unterrichtspause gesellte sich Juri tatsächlich zu Carl, da wo er gerade ohne irgend etwas zu erwarten herumstand. Und Juri war noch genauso wie am Tag zuvor. Es schien eine Chance zu geben, daß nicht alles auseinanderfallen würde.
Aber die Sorglosigkeit hielt nicht lange an. Und es dauerte nicht einmal zwei Monate und alles war wieder wie früher. Es war schlimmer als vorher. Denn nun war Carl ein Gefallener, während er in den Jahren zuvor immer das gleiche Maß an Ansehen genoss, das natürlich viel niedriger gewesen war als in der Zeit mit Juri. Aber wie konnte das passieren?
Nun, es ging einfach alles schief.
Es war nicht einmal allein Juris Schuld. Natürlich zog es ihn recht früh wieder zurück in seine alten Kreise und in seine alten Gewohnheiten. Und für Carl war da einfach kein Platz.
Aber auch Carl selbst fiel schnell wieder in seine alten Verhaltensweisen zurück und ließ keinen Fehler aus.
Er sah sich selbst dabei zu, wie er alles falsch machte und wußte, was er falsch machte, aber er konnte nicht anders. Jeder Fehler führte zu weiteren Fehlern und mit jedem Fehler verlor er ein weiteres Stückchen von Juris Zuneigung und mit jedem Fehler verlor er ein weiteres bißchen Sicherheit und bald schon war keine Sicherheit mehr übrig und, so wie es schien, auch nichts mehr von Juris Zuneigung.
Dabei passierten ihm die meisten Fehler sicher aufgrund seiner ständigen Besorgnis, seiner Angst vor dem Verlust.
Die Entspanntheit ging recht schnell verloren und mit ihr die Freude an Carls Gesellschaft. Zuerst schlich sich ein leichtes Unbehagen in die Zusammenkünfte ein und bald eine neue Fremdheit, die kälter und unüberwindbarer schien als die Fremdheit in all den Jahren zuvor, in denen man einander eben nur nicht kannte. Nun kannte man einander und hatte sich trotzdem immer weniger zu sagen. Und die Erfahrungen, die man machte, drifteten schnell wieder sehr weit auseinander. Es gab ja auch keine gemeinsamen Erfahrungen mehr.
Und das alte Leben konnte weitergehen, aber es war nun schwieriger geworden, sich damit abzufinden. >