Nach einer Weile taten Carl und Juri dann in stillschweigender Übereinkunft so, als wären sie einander völlig fremd und hätten einander nie gekannt. Und nach einer Weile kam es ihnen auch so vor, als sei das die Wahrheit.
Der Frost kam schneller zurück als erwartet. Und es gab auch Verletzungen, die den Prozeß vorantrieben.
Je tiefer Juri wieder in sein altes Leben eintauchte, umso mehr häuften sich die nicht eingehaltenen Verabredungen mit Carl, der öfters vergeblich in irgendeinem Café oder in irgendeiner Kneipe auf den vielleicht schon einstigen Freund warten mußte. Juri erschien eigentlich nie.
Und es wurden verstärkt Signale gesendet, die wohl besagen sollten, daß Carl es einfach nur noch nicht verstanden hatte, daß es keine Verbindung mehr gab. Juri war für ihn nicht mehr zu erreichen nicht telefonisch, nicht abends im Café. Selbst wenn er Juri dort begegnete, schien da eine unsichtbare Grenze zwischen beiden zu sein, die nicht wirklich nur auf Carls Verhalten zurückging. Juri wurde regelrecht umzingelt von seinem Freundeskreis. Kein Außenstehender wäre durch diese Mauer hindurch gekommen. Und Carl war nun wieder ein Außenstehender.
Die Unangepassten vollführten ein beeindruckendes Schauspiel. Als Juri ihnen am Anfang begeistert von der schönen Zeit erzählte, waren sie allesamt unglaublich freundlich zu Carl gewesen und gaben ihm das Gefühl, er könnte jederzeit in ihre Kreise aufgenommen werden, sofern er das denn wolle. Da wussten sie natürlich, daß ihre Zeit noch nicht gekommen war. Nach einer Weile sah das dann ja ganz anders aus. Als der Zauber der vergangenen Reise verflogen war, die Bekanntschaft stillschweigend beendet, da liefen sie zur Hochform auf. Keiner sprach noch ein Wort mit Carl. Wenn er es tatsächlich einmal noch wagte, sich im städtischen Café blicken zu lassen, wurde er demonstrativ von allen behandelt, als sei er nichts als Luft.
Es sind immer die gleichen Spielchen.
Es dauerte viel zu lange, bis auch die letzten Leute begriffen hatten, daß alles vorbei war. Carl wurde immer noch ständig nach Juri gefragt, sollte ihm von irgendwelchen Lehrern dies und das ausrichten dabei hatte er da schon seit Monaten kein Wort mehr mit Juri gewechselt.
Und es wurde auch fleißig getuschelt und spekuliert. Es war ein sehr öffentliches Zerwürfnis.
Und nun konnte Carl also mit ansehen, wie der Mensch, den er einmal kannte und mochte, von der Bühne ging. Statt von Applaus von Spott begleitet. Natürlich war das keine Genugtuung. Es war wie ein trauriger Nachhall ihrer kurzen gemeinsamen Zeit. Carl nahm schon seit längerem wahr, daß all seine Erinnerungen an die Zeit mit Juri in tiefer Traurigkeit versanken. Da war kein Zorn mehr und selbst das Gefühl der erlittenen Demütigung begann nachzulassen. Und er begriff allmählich, daß der Schlüssel zu dieser Traurigkeit darin lag, daß sich im Grunde nichts an seinen Gefühlen geändert hatte. Er hatte kein idealisiertes Bild von Juri. Er kannte die Leere, die manchmal in Juris Herz zu sein schien und die Tiefe, die ebenso darin lag. Es fühlte sich nicht richtig an, diesen Menschen nicht mehr an seiner Seite zu haben. Aber was hätte er tun können?
Die Schülerversammlung wurde im Zuge der häßlichen Szenen vorzeitig beendet. Bis zur nächsten Unterrichtsstunde hatte die Schülerschaft noch ausgiebig Zeit, sich weiter ihrem Spott und ihrer übertriebenen Fassungslosigkeit hinzugeben. Carl hatte für diesen Tag genug und begab sich auf den Nachhauseweg. Natürlich würde das Ganze für Juri keine schlimmen Konsequenzen haben. Man stand eh kurz vorm Abschluß. Es hätte ihn gar nicht interessieren dürfen, aber er war trotzdem ein wenig in Sorge.
Obwohl sich Juri gelegentlich derartige Auftritte leistete, ging es trotzdem an kaum jemandem ganz spurlos vorbei. Und in dieser angespannten Zeit, in der man eigentlich nichts mehr machen durfte außer zu lernen, lagen die Nerven bei vielen eh schon etwas blank. Es herrschte eine seltsam ausgelaugte Stimmung auf dem Schulhof, bestimmt schon seit einem viertel Jahr.
Nichts würde besser werden im Leben danach. Damit hatten die meisten sich schon abgefunden. Es machte eigentlich keinen Sinn, diesen Lebensabschnitt zu verlassen und alles zu verlieren, was man bis dahin gehabt hatte. >