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Der Glanz eines Sterns
Eine Geschichte
Seite 7
Carl wußte genau, wohin Juri gegangen war. Viele Leute wussten das, aber nach so einem Ausbruch läßt man den Übeltäter eben in Ruhe. Und die Unangepassten hätten keinesfalls auf den Unterricht verzichtet, schließlich galt es, keine wichtigen Informationen für die bevorstehenden Prüfungen zu versäumen.

Es galt, die vielleicht riskanteste Entscheidung seines ganzen Lebens zu treffen. Aber es war die einzige Möglichkeit, um Juri überhaupt noch einmal zu sehen, ohne daß sich wieder die Unangepassten oder sonst irgend jemand dazwischen drängen würde.
Carl konnte nicht einfach so nachhause gehen.

Also lief er statt zum Bahnhof zum kleinen Park, an den Ort, wo alle jungen Leute hier immer hingehen, wenn irgend etwas schiefgegangen ist. Da gibt es noch einen dieser alten Aussichtstürme. Und wenn man von da oben auf die Stadt herunterblickt, fühlt man sich gleich ein bißchen freier, ein bißchen weniger bedrängt.

Als Carl die schiefe Steintreppe hinaufging, zögerte er mit jedem Schritt. Vielleicht wären ja doch irgendwelche Leute dort, die Juri willkommener waren. Carl war sich ziemlich sicher, daß er der letzte Mensch war, den Juri jetzt sehen wollte. So blieb wenigstens zu hoffen, daß er jetzt gerade der einzige Mensch war, der da war. Das ist keine schmeichelhafte Einschätzung, aber man muß ja realistisch bleiben, sonst tut alles nur noch mehr weh.

Als er am Ende der Stufen angekommen war, wagte er sich nicht gleich hervor, sondern schaute erst einmal vorsichtig um die Ecke, ob die Luft rein war. Juri saß da auf der Bank und sonst war niemand zu sehen. Aber wie tritt man auf in dieser Situation? Erst einmal tief einatmen, den Herzschlag sich nach dem beschwerlichen Weg ein wenig beruhigen lassen, nicht ins Schwitzen kommen, sich innerlich aufrichten.

Und dann möglichst unauffällig, wie zufällig gerade vorbeigekommen, zum Geländer schlendern und erst einmal die Aussicht genießen.

Juri gab keinen Ton von sich, aber wenn er in der Zwischenzeit die Flucht ergriffen hätte, hätte Carl das sicher bemerkt. Carl wußte wie meistens natürlich nicht, was er sagen sollte – oder ob hier und jetzt überhaupt irgend jemand irgend etwas sagen sollte. Aber so ganz still war es auch nicht gerade erbaulich. Also gab Carl einen unpersönlich vor sich hin gemurmelten Hinweis von sich, daß er hier nur mal eine Zigarette rauchen wolle. Glücklicherweise hatte er welche dabei.
Da mußte Juri natürlich lachen. Das war ja auch sehr naheliegend, während der Unterrichtszeit schnell mal durch die ganze Stadt zu wandern um auf dem Turm im Park nur mal so eine Zigarette zu rauchen.

Er hielt Juri betont unbeholfen seine Zigarettenschachtel vor die Nase, um ihm eine davon anzubieten. Juri nahm sich eine und Carl setzte sich zu ihm. Es liegt etwas schönes darin, einfach nur irgendwo zu sitzen und in die Weite zu schauen und dabei eine Zigarette zu rauchen mit jemandem, an dem einem etwas liegt. Man braucht gar nicht zu reden. Zum ersten Mal seit langem hatte Carl das Gefühl, da zu sein, wo er hingehörte.

Und dann steckten sie sich noch eine Zigarette an. Manchmal, wenn man jemandem in die Augen schaut, dann hofft man, daß nicht zu viel Liebe und nicht zu wenig Liebe im eigenen Blick liegt. Es fühlte sich in diesem Moment gerade richtig an, vielleicht zum ersten Mal.

Nein, die Traurigkeit war nicht mit einem Mal verflogen und nichts war einfach ungeschehen. Es gab keinen Weg zurück. Aber der Frost, der ging ein wenig zurück.
Man würde besser schlafen können in dieser Nacht. Man konnte ein bißchen freier atmen.
Und man konnte einen weiteren Moment zu den traurigen Erinnerungen an die glückliche Zeit hinzufügen.

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© Andre Seifert, 2006
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